Publikumsangst

Da ich gerade einen Vortrag vor mir habe, könnte ich erzählen, wie ich mich von der Publikumsangst befreit habe.

Früher habe ich immer Angst vor Vorträgen gehabt. Bei meinem allerersten Vortrag für die Diplomprüfung habe ich schon einen Monat davor Alpträume bekommen, bei denen ich vor einem vollen Hörsaal stehe und keine Folie vorbereitet habe (damals waren noch Powerpoint-Präsentationen eine Seltenheit, auf Fachtagungen waren alle Vorträge mit einem Projektor von dieser Art vorgeführt). Meine ersten Vorträge waren auch nicht gut. So fühlte es sich für mich auf jeden Fall an. Bei unserem Institutsseminar als frische Doktorandin hatte ich Schwierigkeiten, meine Stimme laut genug zu halten. Die älteren Herren waren prompt, mich daran zu erinnern. Vor lauter Aufregung vergaß ich häufig wichtige Details zu erwähnen, und musste die Folien zurückblättern, um später im Vortrag die vergessenen Punkte nachzuholen.

Eines Tages musste ich einen Vortrag bei einer internationalen Fachtagung in Polen halten. Mein Vortrag war an einem Sonntagvormittag geplant. Der Leiter des Institutes meiner Diplomarbeit war da. Er hatte mir gesagt, er wäre auf meinen Vortrag gespannt. Ich hatte ursprünglich nur einen Posterbeitrag zur Tagung angemeldet, aber der Chairman hatte mich einen Monat davor angeschrieben und gesagt, ich wäre zum Vortrag verdonnert. Wahrscheinlich hatten zu wenige Leute zu dieser Session teilnehmen wollen. Wie reagiert man dabei? „Ach je, warum ich“, Herzrasen, aber „vielen Dank für die große Ehre“ musste ich zurück schreiben. Ich habe wie immer extrem viel Zeit mit der Vorbereitung des Vortrages verbracht. Und an diesem Tag lief es – warum auch immer – unglaublich gut. Die späteren Vorträge liefen dann ein bisschen gelassener, auch wenn ich mich nie freiwillig dafür gemeldet habe.

Heute habe ich mich von Nervosität bei Vorträgen längst verabschiedet. Zum einen habe ich schon viele Vorträge hinter mir gebracht und habe mich daran gewöhnt. Zum anderen habe ich vor fünf Jahren mit Bauchtanz angefangen. Ich hatte ursprünglich gar nicht vor gehabt, an Shows teilzunehmen, die Kurse beim Hochschulsport waren für mich nur zum Stressabbau gedacht. Meine Lehrerin hatte uns dazu aufgemuntert, an einem Tanzabend in einem Lokal in einer Nachbarstadt in Holland teil zu nehmen. Ich hatte gedacht, warum nicht, dort kenne ich niemanden. Tja. An dem Abend selbst habe ich mich gefragt, was ich da zu suchen hatte und warum ich so leichtsinnig gewesen war, zuzustimmen, bei der Show mitzumachen. Wir sind als Gruppe zur Bühne angetreten. Und da steht man plötzlich unter dem warmen Licht, halb nackt mit glitzerndem BH und langem Rock, vor gut 200 Personen, mit wild klopfendem Herz, schnellem Atem und auf ein mal sehr schweren Armen, die man nur noch mit großer Mühe heben kann, und gleich geht die Musik los und man muss anfangen, perfekt zu tanzen, weil das Publikum dafür bezahlt hat, und weil man nicht starr vor Schreck auf der Bühne stehen bleiben kann, oder in die Kulisse zurück weglaufen und die anderen im Stich lassen. Wenn man das miterlebt hat, erscheinen einem Fachvorträge danach wie Witzveranstaltungen. Den Geschmack auf Tanzveranstaltungen habe ich noch später bekommen, es hat richtig Spaß gemacht, wenn das Publikum gejubelt hat und in Rythmus mit der Musik geklatscht hat, ich hatte den Eindruck bekommen, Lebensfreude mitzuteilen. Nur blöd, dass ich wegen Ischiasprobleme aufhören musste.

Ab und zu passiert es mir immer noch, dass ich von Vorträgen träume. Das ist normal, sagen meine Kollegen.

20130409


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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