Geschichten aus der Arbeit – Meine männliche Kollegen

Als ich zum ersten Mal zum Institut ankam, vierzehn Jahre her, hatte ich gerade das Diplom in der Tasche und wollte meine Promotion anfangen. Am ersten Tag hatte mich der Institutsleiter, sei er mit H. bezeichnet, durch das ganze Institut mitgenommen und allen anderen Mitarbeitern vorgestellt. Ich erinnere mich ganz genau, wie er sagte, ich sollte mich an ihn wenden, falls ich aufgrund meines Geschlechtes von den Kollegen Schwierigkeiten bekommen würde. Dabei habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass H. das größte Schwein vom Institut gewesen ist – nicht nur sexuell, ein Fresssack ist er auch, ich habe mich häufig gefragt, wie lange er sein… „e Füße“ nicht mehr gesehen hat. H. besitzt kein Humor und versteht keine Witze, wenn sie nicht sexueller Natur sind. Es ist mir wirklich peinlich für ihn gewesen, wie er einmal mit mir und einer anderen Kollegin in Lachen ausgebrochen ist, weil irgendwo die Zahl 6 vorkam, und er nur „Sechs, Sex“ wiederholte. Zur Erinnerung, der Mann hat Physik studiert und ist Institutsleiter geworden. Und lacht sich tot über Grundschüler-Witze. Ständig muss er die Leute um sich herum anfassen. „Wir sind eine große Familie“, meint er, er würde sich wie unser Vater fühlen. Bei meinen männlichen Kollegen hat er einfach kumpelhaft die Hand auf die Schulter gelegt. Als Frau muss man immer sehr schnell reagieren und den Kopf nach hinten ziehen, um nicht die Wange gestreichelt zu bekommen. Nach dem er mir einmal sogar die Hand aufs Gesäß gelegt hat, und ich mit Mühe den Inhalt des Wasserkochers, den ich in der Hand hielt, nicht auf seinen Kopf gegossen habe (er hat immerhin eingesehen, dass es unangemessen war), habe ich immer dafür gesorgt, dass mindestens drei Meter als Sicherheitsabstand zwischen uns stehen. Jetzt ist er Rentner, er kommt aber wieder ab und zu zum Institut. Ich denke immer noch, ich hätte an dem Tag seine Frau anrufen und mich bei ihr beschweren sollen. Und ich frage mich nebenbei, welche Rolle er dabei gespielt hat, dass ich die einzige dauerhafte wissenschaftliche Stelle am Institut nicht bekommen habe, aber da wäre genug Stoff für einen neuen Eintrag, so bizarr der Vorgang war.

Ich wechsle jetzt zu unserer Werkstatt. Der Leiter, Egbert, der zum Glück in nur wenigen Wochen in Rente geht, hat anscheinend sehr große Schwierigkeiten damit, dass Frauen eine wissenschaftliche Karriere anstreben und promovieren. Ich weiß nicht mehr wie oft er während meiner Doktorarbeit in mein Zimmer gekommen ist, um mir ernsthaft zu erzählen, ich sollte einen Mann heiraten, und zu Hause bleiben, um mich um die Kinder zu kümmern. Anfangs habe ich noch versucht zu diskutieren, aber das ist bei ihm zwecklos, danach habe ich nur noch gesagt, ich hätte jetzt keine Zeit für ihn. Das hat er aufgehört, als ich Gleichstellungsbeauftragte wurde. Ist es ein Generationsproblem? Nein, Franz-Dieter, der im gleichen Alter ist und auch in der Werkstatt arbeitet, ist ganz im Gegenteil in meiner Sicht der beste männliche Mitarbeiter im ganzen Institut. Mit ihm kann man ohne Bedenke allein bleiben, über vieles diskutieren und bekommt immer das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wie bei Rolf auch, eigentlich. Und Franz-Dieter hat schon vor den anderen Egbert widersprochen, der sein Chef ist, wenn dieser im Kaffeeraum sexistische Aussagen gemacht hat. Dafür kriegt er meine vier Daumen hoch. Dann gibt‘s noch Bernd, der vom Anfang an – und auch bis ich Gleichstellungsbeauftragte wurde – nie in der Lage war, in einem Gespräch mich oberhalb vom Hals zu gucken. Ich fand ihn gruselig und habe immer vermieden, alleine mit ihm zu sein. Gut, dass ich so wenig mit ihm zu tun hatte und er schon in Rente weg ist. Zum Schluss habe ich auch eine Geschichte über Josef, der einmal im Kaffeeraum sich geäußert hatte, er würde gerne seine jetzige Frau verlassen und eine jüngere heiraten, um die 30, weil Frauen erst ab 30 interessant werden (ich glaube, mein 30. Geburtstag war fast ein Jahr her gewesen), er würde ihr ein stabiles Einkommen anbieten und wäre bereit, wieder Kinder zu haben. Attraktiv wäre er ja, da er so viel Sport treibt und eine jüngere Studentin, die bei ihm eine Arbeit als HiWi gemacht hatte, hätte mit ihm eine Affäre haben wollen (es gab eigentlich nur eine Studentin, die mit ihm gearbeitet hatte, und während ihrer Tätigkeit hier hatten wir uns häufig beim Uni-Fitness-Studio getroffen, mit ihrem Freund, einem gut gebauten großen Blonden… und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie gleichzeitig Interesse an Joseph hatte, es war nur „möchte-gerne-Talk“). Ich hab’s zuerst nicht persönlich genommen und fand ihn nach diesem Gespräch nur ekelhaft. Mein Zimmerkollege sagte, mindestens wäre er ehrlich, so offen darüber zu sprechen. Nach einigen komischen Vorfällen habe ich gemerkt, dass Josef es doch auf mich abgesehen hatte. Der hat vielleicht Nerven. Mir gefällt’s nicht, wie er manchmal mir zu nah kommt, ich einen Schritt zur Seite mache, und er direkt danach mir wieder an die Pelle rückt. Und dabei merke ich, dass ich seinen Geruch auch nicht mag, ich glaube, er raucht heimlich Cannabis, wenn er alleine in seiner getrennten Werkstatt ist.

Über meine männlichen wissenschaftlichen Arbeitskollegen gibt es nicht so viel zu berichten. Die meisten haben mich einfach wie eine Arbeitskollegin behandelt, und das fand ich richtig gut so, wir verstehen uns prima. Es gab Volker, der frühere Inhaber der wissenschaftlichen Dauerstelle, der jetzt verstorben ist und versucht hatte, mir Anmachen zu machen. Ich habe mich danach von ihm distanziert. Außerdem hatte er ein großes Alkoholproblem. Und es gibt Lars, sein Nachfolger, der einfach nur ein möchte-gerne-Chef mit großer Klappe ist (und das haben mir die anderen gesagt, es ist nicht (nur) ein Ausdruck von Neid). Aber mit dem muss ich nichts mehr zu tun haben, da ich jetzt arbeitslos bin. Und darüber freue ich mich doch, weil ich mit ihm keine Lust hätte, weiterhin am Institut zu sein. Vor allem jetzt, wo der neue Leiter auf langer Reise ist und ihn als Vertreter gelassen hat.

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2 Gedanken zu “Geschichten aus der Arbeit – Meine männliche Kollegen

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