Creepy Date

Vor etwa elf Jahren, als ich noch nicht mitten im Schreiben von meiner Doktorarbeit steckte und Zeit hatte, war mir aufgefallen, dass meine einzigen Bekannte oder Freunde in Deutschland entweder aus der Arbeit an der Uni oder aus meinem Deutschkurs bei der Volkshochschule stammten. Letztere Gruppe neigte auch dazu, nicht lange in der Stadt zu bleiben, weil die Leute entweder nur kurze Arbeitsaufenthalte hatten oder als Austauschstudenten für ein oder zwei Semester hier waren. Ich habe mir überlegt, es wäre nett, andere Leute kennenzulernen, und habe mir ein Profil bei einem kostenlosen „Kennenlernen-Portal“ angelegt.

Als erstes habe ich besonders darauf aufgepasst, in meinem Profil zu schreiben, dass ich nur neue Bekanntschaften suchte, weiblich oder männlich, und gar nichts Sexuelles im Kopf hatte – es war klar zu verstehen, auch wenn ich es nicht so formuliert hatte. Ich bin schnell von einem jungen blonden Mann in meinem Alter kontaktiert worden und wir haben gechattet. Er hat mich gefragt, was ich genau suchte, und ich habe geantwortet, glaube ich, „einfach Freunde, um mal auszugehen“. Nach zwei oder drei Chat-Abenden, wo wir sinnlose Banalitäten getauscht haben, haben wir uns an einem Nachmittag in einer Kneipe im Studentenviertel verabredet.

Als wir uns am Tisch hingesessen haben, habe ich mich schon unwohl gefühlt. Er hatte die ganze Zeit gar nicht natürlich gewirkt – es gab sehr kurze Momente, wo er sich körperlich normal verhalten hatte und ich mich entspannen konnte, gefolgt von Momenten, wo er anscheinend merkte, dass er vergessen hatte zu lächeln, und ich am liebsten ganz woanders gewesen wäre. Ah, sein Lächeln. Irgendwie unvergesslich. Ich glaube, ich habe noch nie ein solches verkrampftes Lächeln in meinem Leben gesehen. Das hatte ziemlich geisteskrank gewirkt. Dabei konnte man seine Zähne sehr gut sehen – das hat mich daran erinnert, dass Tiere eigentlich ihre Zähne zeigen, wenn sie gleich angreifen wollen. Ich denke, er muss irgendwo gelesen haben, dass bei einem Date das Lächeln sehr wichtig ist und gedacht, na gut, ich mache das die ganze Zeit. Mit dem Rest vom Gesicht hatte es aber nicht gepasst, es waren lediglich die Mundwinkeln, die nach oben gingen. Ich hätte ihn fast gefragt, ob es ihm schlecht ging, habe mich aber gezwungen, nicht darauf hinzuweisen. Er hat mich auch wiederholt im Gespräch gefragt, was ich genau suchte – ich konnte nur wiederholen, was ich beim Chatten schon geschrieben hatte, wobei er sehr enttäuscht wirkte. Aber hey, ich kann nichts dafür, wenn er nicht lesen kann. Ich hatte ihm oft genug geschrieben, dass ich nicht vor hatte, eine Liebesbeziehung anzufangen.

Ich weiß nicht mehr, welchen Grund ich wohl gefunden habe, aber ich habe mich sehr schnell verabschiedet, nach dem ich meinen Fruchtsaft ausgetrunken habe, und habe nie wieder Kontakt mit ihm aufgenommen. Das war’s auch, ich habe beschlossen, nicht mehr übers Internet neue Freunde kennen zu lernen.

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