Nächtliche Türklingeln

Heute bin ich um 04:20 aus dem Schlaf gerissen worden. Ich hörte meine Türklingel, die lange gedrückt wurde, und habe aus lauter Panik, noch im Bett liegend, auf einmal ein sehr hohes Puls bekommen. Was war los, warum klingelte jemand bei mir um die Uhrzeit? Aufstehen wollte ich nicht.

Meine Klingel ist laut, besonders nachtsüber. Alles um mich herum war noch still. Meine lauten Nachbarn aus dem Stadttheater, die ich am Abend noch gehört hatte, gaben keinen Ton von sich. Dabei sind sie schnell, sich zu beschweren, wenn kleinste Geräusche aus meiner Wohnung kommen, diese Hypokriten. Die Studenten unter mir bewegten sich auch nicht. Alles blieb still. Hatte ich wirklich die Türklingel gehört? Doch, sonst wäre ich nicht so schlagartig aus meinem schon halb vergessenen unruhigen Traum aufgewacht, mit schnell schlagendem Herzen. Oder hatte ich die Türklingel geträumt? Das hat mich an etwas erinnert.

Vor acht Jahren habe ich kurzzeitig wieder bei meinen Eltern gewohnt. Ich war nach meiner Doktorarbeit in Deutschland erstmals arbeitslos, und als Studentin hatte ich unbewusst trotz langjährigem Arbeitsvertrag keine Arbeitslosenversicherung bezahlt, so dass ich mir sehr schnell keine Wohnung mehr leisten konnte[1]. Meine Eltern waren dabei, sich zu trennen, und da das Einfamilienhaus meistens leer blieb, habe ich es benutzt. Ich habe einige Wochen lang in diesem Haus sehr merkwürdige Träume bekommen. Ich befand mich nachts in einer Wüste neben einer dunklen Pyramide und hörte zu, wie (m)eine Stimme mir eine schreckliche Geschichte erzählen wollte, die mir als Kleinkind passiert wäre, und die ich total vergessen hätte. Sehr weit konnte die Stimme in der Geschichte nie kommen, da ich jedes Mal aufwachte: Ich hörte, wie jemand an der Haustür laut klopfte und nach meinem Namen rief. Manchmal hörte ich noch an der Tür klopfen, obwohl ich im Bett schon wach lag. Aber mir wurde danach immer klar, dass es wirklich niemanden an der Tür gab. Ich nahm an, das mein Unterbewusstsein – oder was auch immer – mich daran hindern wollte, mich an die Geschichte zu erinnern. Jede Nacht schaffte es die Stimme trotzdem, mir ein Stückchen weiter zu erzählen[2]. Eine Nacht sagte die Stimmte, „Dir ist als Kind etwas furchtbares geschehen, und dein Vater ist daran schuld. Er hat etwas ganz schlimmes getan.“ Nun, was, wollte ich nicht wissen, das habe ich der Stimme gesagt, und bin aufgewacht. Ich dachte, ich wäre langsam dabei, den Verstand zu verlieren. Was mir damals passierte, sagte mir mein Vater aber genau an dem gleichen Tag, mit dem Versprechen, es meiner Mutter nie zu erzählen. Sie spricht kein Deutsch, also los.

Ich war noch nicht ein Jahr alt, als es passierte. Mein Vater war Besitzer von einer Werkstatt, wo er Autos und Motoräder reparierte. Er hatte zwei Kollegen, die in der Werkstatt auch arbeiteten. Eines Abends hatten sie Alkohol getrunken und angefangen, sich Gruselgeschichten zu erzählen. Einer sagte, er wüsste, wie man den Teufel beschwört, und fragte, ob sie es probieren wollten[3]. Natürlich, als Spaß sagten die betrunkenen Kumpel zu. Als sie nach Hause gingen, versprachen sie sich also, vor dem Einschlafen einen bestimmten Satz zu wiederholen, um den Teufel zu rufen. Mein Vater erzählte, wie er sich zum Schlafen hingelegt hatte, sich an die Geschichte seines Kumpels noch erinnerte, und ich plötzlich anfing unglaublich laut zu schreien, genau in dem Moment, als er gerade mit seiner „Beschwörung“ fertig war. Er sagte, nach einigen Stunden hätte ich immer noch nicht aufgehört zu weinen, und er sei mit meiner Mutter am frühen Morgen zum Krankenhaus gefahren. Dort bin ich untersucht worden, die Ärzte haben nicht besonderes gefunden. Ich habe zwei Tage im Krankenhaus mit meiner Mutter verbracht, ohne zu schlafen, und habe nur geschrien. Verzweifelt hat mein Vater dann eine Nachbarin besucht, die sich mit esoterischen Sachen beschäftigt, und hat ihr alles erzählt. Sie hat ihm ein bestimmtes Wasser zum Trinken gegeben und gesagt, er sollte einen ganzen Tag lang jede Stunde ein Gebet sagen. Das tat mein Vater, und er sagte, nach dem letzten Gebet wäre ich endlich ruhig geworden. Als er mit dem Erzählen fertig war, fragte mich mein Vater dann um Entschuldigung. Da ich mich an das Ganze gar nicht erinnern kann und nicht wirklich wusste, ob ich die Geschichte glauben sollte, habe ich ihm zur Beruhigung gesagt, klar, kein Problem. Ich habe gesehen, dass ihm eine große Last vom Herzen gefallen ist, aber die Geschichte kam mir zu unglaubwürdig vor. Komisch finde ich trotzdem immer noch, wie ich jede Nacht diese Träume hatte, bis mein Vater mir diese Geschichte erzählte. Danach haben diese Träume definitiv aufgehört.

Weil ich heute Nacht in der Lage sein will, einzuschlafen, habe ich eine andere nicht so gruselige Geschichte mit nächtlichen Türklingeln. Es war in meiner ersten Wohnung in Aachen. Was mir die letzten Monate dort besonders unerträglich gemacht hat, neben den ganzen Verfolgungen, fing am Anfang der Fußball-EM an, kurz bevor meine Schwester zu Besuch kam. An einem Abend gab es ein Spiel. Ich war zu Hause geblieben, Fußball interessiert mich eh nicht. Gegen zwei Uhr morgens hat jemand bei mir geklingelt. Nicht nur bei mir sondern im ganzen Haus. Ich war geärgert, nach einiger Zeit konnte ich wieder einschlafen. Ich dachte, Deutschland muss gewonnen haben, und ein Besoffener würde jetzt meinen, aus lauter Freude bei allen klingeln zu müssen. Bis ich aber drei Monate später ausgezogen bin, hat der nächtliche Türklinger bei uns nie aufgehört. Zwischen zwei und vier Uhr morgens bin ich jede Nacht wegen ihm aufgewacht. Wasser aus dem Fenster zu werfen hat ihn dabei nicht gestört, im Gegenteil, er hatte dann sofort mit erneutem Mut weiter geklingelt. Mein damaliger Freund hatte mich eines Abends nach Hause gefahren, als wir ihn gesehen haben – offensichtlich ein Südländer, den ich noch nie gesehen hatte, und der zwei große mit Kleidern gefüllte Mülltüten hielt, und bei mir im Haus klingelte. Wir haben beschlossen, dass ich die Nacht doch bei meinem Freund verbringen sollte. Nach vielen erfolglosen Nachfragen bei meinen Vermietern, die im Haus wohnten, meine Türklingel nachtsüber auszuschalten, habe ich eines Morgens gesagt, dass ich bei der Polizei eine Anzeige erstatten wollte. An dem gleichen Tag habe ich sofort einen Schalter für die Klingel bekommen. Allerdings haben sie es in meiner Wohnung in meiner Abwesenheit gemacht, und ohne mich vorher in Kenntnis gesetzt zu haben. Ich habe an dem Abend nach der Arbeit auf einmal einen neuen Knopf neben der Sprechanlage gefunden, mit einem handgeschriebenen Zettel dran geklebt. Das Klingeln bei meinen Nachbarn habe ich weiterhin wahr genommen, es hat mir nur nicht mehr den Schlaf geraubt. Ich war trotzdem froh, als ich ausgezogen bin.

[1] Dazu hatte mir die Angestellte beim Ausländeramt meine noch gültige Aufenthaltserlaubnis wörtlich aus den Händen gerissen und hysterisch angeschrien, ich soll dorthin zurückkehren, wo ich herkomme. Wie ich später bei meiner Rückkehr nach Deutschland zwecks Arbeit an der gleichen Uni erfuhr, durften Studenten gerade ab dem darauf folgenden Jahr nach einem Uni-Abschluss ein Jahr länger in Deutschland bleiben, um Arbeit suchen zu können. Dies teilte mir mit bedauernder Miene dieselbe Frau mit, die mir gegenüber so vehement ihren Ausländerhass ins Gesicht gespuckt hatte.
[2] Das ist genau die Art von Geschichten, die ich nicht mag und gruselig finde. Selbst jetzt beim Tippen bekomme ich noch Gänsehaut.
[3] Ab hier sei erwähnt, dass ich an die Geschichte nicht glauben wollte und noch heute damit Schwierigkeiten habe. Weil es meinem Vater so wichtig war, habe ich einfach weiter zugehört und mich gezwungen, den Mund nicht zu öffnen. Ich erzähle die Geschichte trotzdem, wie ich sie gehört habe.

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2 Gedanken zu “Nächtliche Türklingeln

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