Schneckencreme als Kosmetik für die Haut

Ich wollte mich darüber informieren, weil ich über Weihnachten bei meinem Vater eine Reportage im Fernseher darüber gesehen habe. Es war gerade nach der Tagesschau von mittags, also beim Kaffee trinken nach dem Mittagessen (na dann Prost… nee, eine Schneckenfresserin bin ich nicht, Froschschenkel will ich auch nicht probieren). Ich habe nur Teile der Reportage wieder gefunden (hier, und hier, nicht auf Deutsch).

Ich habe am Anfang der Reportage nicht wirklich aufgepasst. Ein Mann wurde interviewt, anscheinend ein Arzt in einer Klinik in Südamerika (Chile), der Leute mit verbrannter Haut behandelte. Er hatte diese Creme aus dem Schleim von Schnecken entwickelt – Achtung, nur eine bestimmte Schneckensorte aus Südamerika – mit deren Hilfe er den Zustand der Haut behauptete zu verbessern, das heißt, nach Anwendung der Creme würde man eine deutliche Reduktion der Narben auf verbrannten Hautteilen feststellen, das Ergebnis könnte man mit anderen Methoden gar nicht so gut bekommen. Der Journalist fragte, ob er diese spektakulären Ergebnisse veröffentlicht hatte. Als eher neutrale Zuschauerin habe ich dann gemerkt, wie der Arzt anfing ein wenig zu stottern und seine Stimme leiser wurde, als er sagte, ja, ein Paper gäbe es, die Ergebnisse waren nicht signifikant. Aha. Was bedeutet „nicht signifikant“? Man kann mit den Ergebnissen nicht beweisen, dass die Creme wirkt. Aber der Preis der Creme pro Kilo war sehr hoch, immerhin ist 1kg Schneckenschleim aus Chile 1000€ Wert, und das Produkt lässt sich super im Ausland exportieren, und da war unser Arzt wieder ganz stolz beim Erzählen, als er das gefährliche Thema sehr schnell begraben hatte.

Tut mir nicht Leid, ich glaube nicht einfach blind, was man im Fernsehen alles erzählt bekommt. Hoffe ich mindestens (na ja, dafür müsste ich zuerst selber einen Fernseher besitzen, was ich aber nicht will). Nicht signifikante Ergebnisse, aber trotzdem eine Creme teuer verkaufen? Für mich grenzt es an Betrug. Natürlich macht man da mindestens eine Suche auf Internet. Bei meiner Suche nach „Helix Aspersa Müller“, laut Elicina der Wunderwirkstoff dieser Creme, bin ich auf diesen Artikel von 2009 gestolpert, The efficacy of Helix aspersa Müller extract in the healing of partial thickness burns: a novel treatment for open burn management protocols, von den griechischen Wissenschaftlern D. Tsoutsos, D. Kakagia und K. Tamparopoulos. Man braucht keinen Zugang zum Artikel, denn die wesentlichen Ergebnisse sind im Abstract angegeben. Eine Gruppe A, die 27 Erwachsenen mit Gesichtsverbrennungen enthält, wurde mit einer Schneckencreme behandelt. Eine Kontrollgruppe B, mit 16 anderen Patienten, wurde mit einer konventionelleren Methode behandelt. Verglichen wurde die Heilungszeit der Haut, die ich mit Z abkürze (genauer gesagt, ab wann die Kruste der Wunde von der Haut runterfällt). Mit bestem Willen sehe ich keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen. In Gruppe A beträgt Z 9+/-2 Tage, in Gruppe B 11+/-2 Tage. Wie es in der Reportage hieß, sind diese Ergebnisse nicht signifikant. Bitte die Standardabweichungen (kurz σ) betrachten! 9+/-2 bedeutet zwischen 7 und 11, 11+/-2 bedeutet zwischen 9 und 13 (es ist grob vereinfacht dargestellt und ist in Wirklichkeit komplizierter). In meiner Branche betrachten wir zwei Werte Z1 und Z2 als signifikant unterschiedlich, wenn sie sich innerhalb von 3σ unterscheiden, das heißt, dass die Bereiche Z1+/-3σ1 und Z2+/-3σ2 sich nicht decken. In dieser Studie sind die Heilungszeiten aber innerhalb von 1σ schon gleich. Wer noch behauptet, in Gruppe A wären bessere Ergebnisse nachgewiesen, hat keine Ahnung von Statistik. Außerdem wissen wir nicht, ob die Wunden in beiden Gruppen gleich groß sind, da müsste man den Artikel lesen, um zu sehen, ob die Fläche der Wunden berücksichtigt wurde. Das könnte das Ergebnis auch total verfälschen. Dass die Schneckencreme besser als andere Mittel funktioniert, kann man also nicht behaupten. Für bessere Ergebnisse, das heißt, um kleinere Standardabweichungen zu bekommen, müsste man die Größe der Gruppen in der Studie stark erhöhen. Das einzige, was die Studie eindeutig zu zeigen scheint, ist, dass die Schmerze bei Gruppe A nicht so stark sind (wenn ich pain scores richtig übersetzt habe). Der Argument würde wiederum für mich sofort für die Schneckencreme sprechen – vorausgesetzt, man hat nicht „aufs Versehen“ alle Patienten mit kleineren Wunden in Gruppe A gesteckt. Und merken wir auch noch, dass die Studie sich nur mit dem Heilungsprozess beschäftigt, nicht mit der Reduzierung von Narben.

Die Reportage ging weiter. Ein Verkäufer wurde gefilmt, als er in einer Apotheke versuchte, die Schneckencreme zu verkaufen. Die Vorteile der Creme wurden ausführlich dargestellt. Als der Inhaber der Apotheke, halb interessiert, fragte, wie er Frau X. aus der Nachbarschaft dazu bewegen könnte, die Creme zu kaufen, meinte der Referent: „Einfach! Wissen Sie, wie schnell Schnecken ihre Schale reparieren, wenn man drauf tritt? Man könnte meinen, die sterben gleich, aber nein, die reparieren die Schale und leben weiter. Das alles dank dem Schleim, der in dieser Creme enthalten ist!“ Ich habe gelacht und gedacht, „Gut, wenn ich mal eine Schale bilden soll, weiß ich, wie ich sie reparieren kann, bis dahin brauche ich den Zeug nicht“. Die Reaktion vom Inhaber war aber gleich, „Tja, Schade, dass wir keine Schnecke sind“. Und ich habe mich als gute Wikipedianerin auch sofort gefragt, ob die Geschichte mit der Schale wirklich stimmt (ich hatte ein dickes {{refnec}} im Kopf). Hat der Inhaber der Apotheke die Creme anschließend gekauft? Ich weiß es nicht mehr. Im Laufe der Reportage hatte ich den Eindruck, der Journalist hätte Spaß daran gehabt, die ganzen Unstimmigkeiten über das Produkt zu zeigen, um sich darüber lustig zu machen. Es war für mich so enorm, dass ich dachte, keiner kann rein fallen, der die Reportage sieht. Seufz. Mein Vater, der ebenfalls die Reportage neben mir gesehen hat, war am Ende bereit, selber für das Produkt zu werben.

Gibt es noch etwas zu erzählen, um das Thema zu ergänzen? Eigentlich ja, und sicherlich nicht wie ihr jetzt denkt. Aus meiner eigenen Erfahrung (igitt). Ich hatte vor vielen Jahren mit meinen Kollegen an einen Betriebsausflug teilgenommen. Es war Ende Frühling, wir hatten auf der Wiese Frisbee gespielt. Mir war’s richtig warm. Ich habe meine Schuhe beim Spielen ausgezogen. Und ja, wenn ihr bis hier durchgelesen habt, vermutet ihr schon, was mir passierte: Ich bin auf eine dicke Nacktschnecke getreten. Richtig igitt. Ich habe sofort mit einem Taschentuch das ganze zwischen meinen Zehen gewischt, habe den Spaß am Spielen verloren und habe nur noch die anderen zugeschaut. Mit Wasser konnte ich nicht sofort spülen, erst später zu Hause habe ich es gemacht. Und ich habe mehrere Tage lang eine unglaublich zarte Haut auf dem Fuß gehabt, so schön weich, das hatte ich noch nie erlebt.

Die Moral von der Geschichte: Ach, es könnte was dran geben. Nur nicht alles mischen. Zarte Haut und reduzierte Narben sind ganz andere Sachen. Solange es keine referierte wissenschaftliche Veröffentlichung gibt, die die Wirkung der Creme beweist, traue ich diesem ganzen Kosmetik-Geschäft nicht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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2 Gedanken zu “Schneckencreme als Kosmetik für die Haut

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