Verfolgung

Meine erste Wohnung als Doktorandin hatte ich im Stadtzentrum gefunden, am Kaiserplatz. Sehr günstig, weil man die Toilette mit der anderen Wohnung auf der Etage teilen musste. Wie ich später herausfand, war der Mietpreis auch wegen der Gegend so niedrig, da es neben einem kleinen Platz für Drogenabhängige war, wo ein Automat für Ein-Weg-Spritzen zur Verfügung stand. In dem Viertel waren auch viele Sexgeschäfte. Meine Kollegen fragten immer, wie ich dort wohnen konnte, mit allen Drogenabhängigen und Alkoholikern, die rum lauern, es wäre so gefährlich… Dabei muss ich sagen, dass ich genau mit ihnen nie Probleme hatte. Die haben sich im Gegenteil immer sehr nett mit mir verhalten, wenn wir mal ins Gespräch kamen.

Nein, die, die mir Probleme zubereitet haben, waren ganz nüchterne Typen. Ich war meistens spät am Institut geblieben, weil ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen war, es sollte nicht umsonst gewesen sein. Also möglichst viel arbeiten, um schnell fertig zu werden. Wie häufig bin ich dabei abends ab dem Drogen-Platz auf dem Weg nach Hause verfolgt worden? Eine Zeit lang gab es Bauarbeiten an meiner Fassade, und ich konnte den Männern entkommen, indem ich im letzten Moment den Bürgersteig verlassen habe und auf der anderen Seite vom Gerüst gegangen bin, an den parkenden Autos und Taxis entlang. Sie haben dabei häufig bemerkbar gezögert, es aber nie über sich gebracht, mir auf der schmallen Bürgersteigskante zu folgen. Oder vielleicht war es immer nur der gleiche Mann. Einmal habe ich mich plötzlich umgedreht, als ein junger, dunkelhäutiger Mann mir von ganz nah folgte, habe getan, als ob ich etwas in meiner Tasche suchen wollte, und ihm gleichzeitig gezeigt, er sollte doch mich überholen. Er meinte, er wollte mit mir reden, was ich kategorisch abgelehnt habe. Er ist einfach weg gegangen.

Das Schlimmste kam, als meine jüngere Schwester im Sommer zu Besuch gekommen war. Wir hatten die EM-Finale 2000 bei meinem damaligen Freund geschaut und waren auf dem Weg nach Hause. Sie hielt meine Schlüssel in der Hand, weil sie ursprünglich vor hatte, alleine zu meiner Wohnung zurück zu gehen, was ich definitiv nicht wollte. An dem Drogen-Platz angekommen, merkte ich von weitem aus dem linken Augenwinkel wie ein verdächtiger Mann auf uns zukam. Ich habe nicht in seiner Richtung geschaut, und ich habe meiner Schwester nichts gesagt. Als wir das erste Haus nach dem Platz erreicht hatten und aus seinem Blickfeld verschwunden waren, fragte ich sie leise, mir die Schlüssel zu geben. Ich bin sehr schnell zu meiner Haustür gelaufen, schaffte es ausnahmsweise, beim ersten Versuch die Tür zu öffnen, rief eindringlich zu ihr, schnell reinzukommen, und fragte sie dann, mir zu helfen, die schwere langsame Tür zuzuschieben… Sie hatte den Mann immer noch nicht bemerkt, er hat aber wirklich die Tür ins Gesicht bekommen. Durch die Glasscheibe haben wir gesehen, wie er an den Türgriff rumfummelte – ohne irgendwas zu erreichen, da ich schon abgeriegelt hatte und er keinen Schlüssel hatte. Erst dann fing meine Schwester an zu begreifen, was hätte passieren können, und wurde von Schreck bleich. Am nächsten Tag schrieb ich meinen Kündigungsbrief.

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2 Gedanken zu “Verfolgung

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