Plötzlich wieder aufgetaucht

Manchmal freut es mich, lange nicht mehr gesehenen Bekannten wieder zu sehen. Manchmal nicht. Genau wie bei Hülya, die vor kurzem nach gut fünf sechs Jahren Funkstille plötzlich bei mir vor der Tür stand.

Ich habe Hülya durch meinen Arbeitskollegen Sebastian kennen gelernt. Er hatte mich eines Abends zum Grillen im Westpark eingeladen, und sie war auch dabei. Wir haben uns später bei ihm wieder getroffen und Kontaktdaten getauscht. Gerne hätte ich mit ihr häufiger kleine Konzerte in Kneipen besucht. Da sie arbeitslos war, haben wir uns aber zunehmend bei mir getroffen. Wir haben viel gequatscht, wobei ich mehr zugehört als geredet habe. Und geraucht. Mensch, was hat sie geraucht, viel mehr als ich. Selbst gedrehte Zigaretten. Aber irgendwie hat es Spaß gemacht, mit ihr zu reden und zu lachen. Auch wenn ich sie gleichzeitig zu vulgär in ihrer Wortwahl gefunden hatte, sie hatte zu viele Schimpfwörter benutzt, und zu viel über anderen gelästert. Als sie sich nach einiger Zeit jedes Wochenende bei mir eingeladen hat, habe ich gemerkt, dass es bei mir immer mehr heftige Kopfschmerzen verursacht hat. Ich habe damals gedacht, es läge am Zigarettengeruch, und hatte alle Fenster breit aufgemacht. Im Nachhinein würde ich jetzt sagen, es ist ein Zeichen dafür, dass jemand einem die Lebensenergie aussaugt – wie Vampiren, oder Parasiten.

Worüber hatten wir uns unterhalten? Wir waren beide Single und haben uns beschwert, wie schwierig es wäre, einen guten Mann zu finden. Ich war damals unglücklich verliebt; Hülya lebte noch bei ihrem Ex-Freund Kay und hatte eine sporadische Beziehung mit Olivier aus ihrem alten Studentenwohnheim. Sie erzählte auch, wie eine Spanierin aus dem gleichen Wohnheim versucht hatte, mit ihr eine sexuelle Beziehung zu haben, was sie als hartnäckige heterosexuelle Frau sehr gestört hätte. Es klang für mich irgendwie seltsam, aber na gut, es kann auch passieren. Kurz danach fragte sie mich, ob ich nach so langem Single-Sein keine Lust hätte, mit Frauen, zum Beispiel mit ihr, Sex zu haben. Aha… Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, meinte sie, es wäre nur gedacht, um mich zum Lachen zu bringen. Ach so… Ich fragte mich, ob die Geschichte mit der Spanierin wirklich so passierte, wie sie es mir geschildert hatte. Nach einer Weile ging es aber nur noch um Hülya. Sie hatte einmal die Frechheit gehabt, mir zu sagen, meine Probleme würden Sie nicht interessieren, da ihre eigenen noch schlimmer wären. Ich sollte nur dazu beitragen, bei ihren Beschwerden Mitleid zu haben, ohne mich je beklagen zu dürfen. Probleme schien sie auch zu haben, ich habe aber nie verstanden, was sie daran hindern sollte, ihr Leben zu ändern. Zuerst Arbeit finden. So häufig hat sie sich beschwert, keine Arbeit und kein Geld zu haben, nicht mehr bei ihrem Ex-Freund wohnen müssen zu wollen, aber ich habe noch nie erfahren, dass sie sich irgendwo beworben hätte. Ihre Ausrede war, wenn sie eine Arbeit hätte, müsste sie dann ihr Bafög zurück bezahlen, solange sie arbeitslos bliebe, müsste sie es nicht tun. Dabei hat sie ihr Studium nie zu Ende gebracht. Monatelang durfte ich mir alle ihre Beschwerden anhören, über ihr Single-Sein, ihre bösartige Familie und ihre Menstruationsprobleme. Sie lästerte die ganze Zeit über andere Leute. Leute, die sie unfair behandeln würden, sie schimpfen würden… Nur, von der Art, wie sie selbst redet und sich verhält, dachte ich, dass sie es sich vielleicht verdient hatte. Ich habe mich schon gefragt, wie sie bei anderen über mich sprechen würde, denn ich nie erlebt hatte, dass sie über jemanden etwas Gutes zu sagten hatte. Als ich sie einmal fragte, ob es nicht zu kompliziert für ihre Beziehung mit Olivier war, mit ihrem Ex-Freund Kay zusammen zu leben, wirkte sie beleidigt und meinte, Kay wäre doch immer noch ihr Freund. Was also das Zusammentreffen mit Hülya für mich so schwer zu ertragen machte, war nicht nur, dass sie sich ständig beschwerte und erwartete, dass ich für alle ihre Probleme Verständnis hätte, sondern auch, dass sie so viele widersprüchliche Aussagen machte.

Eines Tages kam Hülya zu mir und sagte, sie hätte etwas wichtiges mir mitzuteilen. Was war’s? Nachdem sie mir so lange gesagt hatte, sie wäre Single und würde so gerne endlich einen Mann finden, und dabei mein Mitleid haben wollte, erzählte sie mir plötzlich, sie wäre eigentlich verheiratet. Sie hatte es meinem Kollegen Sebastian erzählt und wollte es mir jetzt sagen, bevor ich es von ihm höre. Ihr Mann würde sich aber nicht für sie interessieren, deswegen sie andere Männer gesucht hätte. Sie hatte ihn damals mit Hilfe von ihrem ganzen Bafög-Geld zu einer Hochzeit gebracht, weil sie als Türkin sonst keine Aufenthaltserlaubnis mehr hätte. Dabei würde ihr Mann aber nur Frauen übers Internet suchen, zum Beispiel aus Südamerika, und sie nach Deutschland holen. Was kann ich sagen? Wenn einige ihrer früheren Geschichte mir schon unglaubwürdig vorkamen, war diese letzte der Hammer. Sie meinte dann, sie hätte mir die „Wahrheit“ nicht früher erzählt, da sie Angst hätte, ich hätte kein Verständnis für ihre Lebensweise. Wofür ich aber definitiv kein Verständnis habe, ist, wenn Leute nur Lügen hintereinander aufreihen. Sie wollte sich auch beim Einwohnermeldeamt mit meiner Adresse melden, um ihre Korrespondenz per Post bei mir zu bekommen. Den Grund dafür habe ich nie verstanden. Was ich wohl verstanden habe, ist, dass ich bei der Behörde für sie lügen und sagen sollte, dass sie bei mir wohnen würde. Das kam für mich nicht in Frage. Ich war also insgesamt nicht wirklich traurig, als wir uns kurz danach nach einer scheinbaren Nichtigkeit gestritten hatten und nicht mehr getroffen hatten – es kam nach einem guten Jahr eher wie eine Erlösung.

Und vor etwa einem Monat hat sie bei mir eines Abends geklingelt. Ich muss zugestehen, ich hatte sie inzwischen völlig vergessen. An der Sprechanlage: „Ich bin’s!“ Ich, misstrauisch, da ich auch niemanden erwartet hatte: „Wer, ich?“ Sie: „Na ich, Hülya. Hör mal, ich muss mit dir reden.“ Ich habe sie bei mir nicht eingeladen und bin die Treppen runtergegangen. Wir haben uns vor meiner Haustür unterhalten. Sie meinte, sie wollte sich nach all den Jahren für unseren Streit entschuldigen, weil sie keine Ruhe hätte und an nichts anderes denken könnte, ich wäre immer so nett zu ihr gewesen und sie hätte es nicht geschätzt. Sie sagte auch, sie hätte schon vorher häufig versucht, bei mir zu klingeln, als sie in der Gegend war. Ich habe mich dabei gefragt, ob ich es ihr zu verdanken hatte, ab und zu am Sonntagmorgen gegen 07:00 aufgewacht zu sein, weil jemand meine Türklingel betätigt hatte. Ich habe aber nichts gesagt. Wenn ihr eine Entschuldigung so wichtig war, wollte ich es ihr nicht verderben, auch wenn ich gleichzeitig dachte, hoffentlich bleibt es auch dabei und sie versucht nicht, wie vorher Kontakt zu knüpfen. Eine der ersten Sachen, um die sie mich gebeten hat und die mir komisch vorkam, war, dass ich Sebastian nicht sagen sollte, dass sie wieder mit mir Kontakt aufgenommen hat. Dabei ist er seit längerer Zeit für eine neue Arbeit umgezogen. Sie fragte mich, ob mein Nachbar, der Deutschlehrer, der so laut war, immer noch auf der Etage wohnen würde. Leichtsinnigerweise sagte ich, er war ausgezogen und ich hatte seine Wohnung zwecks Ruhe übernommen. Sofort bemerkte sie, es wäre so praktisch, da sie dann bei mir wohnen könnte. Was haben die denn alle? Die arbeitslose Spanierin Cristina, die ich nur so kurz kennen gelernt hatte, hatte genau die gleiche Reaktion, als sie mein Wohnzimmer sah. Ich habe ihre Idee sofort abgelehnt. Hülya wollte gleich an dem Abend mit mir Kaffee trinken gehen. Ich habe aus Prinzip nein gesagt, da sie unangekündigt kam und nicht erwarten konnte, dass ich für sie sofort verfügbar sein sollte, und habe mich für den nächsten Abend in einem Café verabredet, mit der Idee, einmal getroffen reicht, und dann brauche ich sie nie wieder zu sehen. Sie wollte lieber den Abend bei mir verbringen, „so wie früher“; als ich aber sagte, bei mir würde keiner mehr rauchen dürfen, weil ich aufgehört habe, war sie mit dem Café einverstanden.

Wir haben uns in einem Lokal nicht weit weg von meiner Wohnung getroffen, wo ich noch nie war. Hülya sagte, es wäre jetzt ihr Stammcafé geworden. Die Kellner würden sich aber nicht nett mit ihr verhalten. Der Raucherbereich war ein großes Zimmer mit sehr hoher Decke, wo wir alleine gesessen haben, so dass ich dachte, ausnahmsweise meine Klamotten danach nicht gleich in die Waschmaschine stecken zu müssen. Wir haben uns unterhalten und mir wurde sofort klar, dass sie sich gar nicht geändert hat. Sie hat an dem Abend besonders übel über Sebastian und seine Frau Amandine geredet, die sie aus der Zeit kennt, als die beide im Studentenwohnheim zusammen waren. Ach so, deswegen wollte sie nicht, dass Sebastian erfährt, dass sie wieder mit mir sprechen wollte? Haben die sich gestritten, oder hat sie ihm schlechtes über mich erzählt? Mir gefällt es wirklich nicht, wenn ich zuhöre, wie jemand über anderen so lästert, und wollte das Thema wechseln. Wieder hat Hülya über ihr Leben geklagt, über ihre Arbeitslosigkeit, über die Tatsache, dass sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Baden-Württemberg jetzt wohnt, über ihre Gesundheit… Als der Kopfschmerz nach einer knappen Stunde kam, war ich nicht überrascht. Ich habe es ihr auch gleich gesagt, mit dem Ergebnis, dass wir nach noch einer Stunde das Café endlich verlassen haben. Sie sagte, wie es damals schön war, als sie jeder Zeit zu mir kommen und von mir leckeres zu essen bekommen konnte. Ich habe ihr die Geschichte von Cristina erzählt, die mir in einer Woche so viel Zeit und Energie geklaut hatte, dass ich sie nicht mehr sehen wollte, in der Hoffnung, sie könnte ihr eigenes Verhalten damit vergleichen und sich selbst in Frage stellen. Sie meinte am Ende, es wäre schön, mit mir wieder gesprochen zu haben, wobei ich zu streng geworden wäre, da sie zum Beispiel nicht mehr bei mir rauchen dürfte, das wäre so doof. Ich stimmte ihr zu, so wäre ich nun geworden. Eigentlich habe ich aber gar nicht mehr vor, sie zu Hause zu Besuch zu haben, das mit dem Rauchen ist nur eine bequeme Ausrede. Zu Hause angekommen merkte ich doch, wie stark der Zigarettengeruch an meinen Kleidern klebte. Ab in die Waschmaschine.

Nach einer Woche meldete sich Hülya wieder. Sie rief mich an, als ich mit Freunden beim Mittagessen in der Stadt war. Sie wollte sich mit mir gleich am Nachmittag treffen, ich war aber schon mit einer Freundin verabredet. Sie sagte, sie würde mich dann später zurückrufen. Bei meinem Ton am Telefon fragten meine Freunde sofort, was los war. Ich habe ihnen also die Geschichte von Hülya kurz geschildert. Sie haben mir vorgeschlagen, nicht mehr an der Sprechanlage zu antworten, wenn jemand abends klingelt, und nicht mehr ans Telefon zu gehen, wenn die Nummer nicht angezeigt wird – da sie mich nur mit versteckter Nummer angerufen hat. Ihre Nummer habe ich sonst lange nicht mehr. Das ist blöd, falls ich einen Anruf für eine Bewerbung bekomme, aber ich habe es noch nie erlebt, dass Firmen ihre Nummer verstecken. Ich habe dann meine Freunde gewarnt, dass sie mich immer vorher anrufen sollen, wenn sie mich spontan besuchen wollen. Bis jetzt war es effektiv.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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