Mein Ischias – Diclofenac

Teil 1 – Teil 2 – Teil 3

Am Flughafen wurde ich wie geplant von meiner Mutter abgeholt. Wir gingen langsam zum Auto auf dem Parkplatz – mit Schneckentempo, da ich aufpassen musste, mein linkes Bein möglichst wenig zu belasten. Dann ab nach Hause, 45 Minuten auf der Autobahn, und gleich lang auf diesen kleinen Voralpen-Straßen, die von der so wunderschönen Landschaft umgeben sind und ich normalerweise so sehr genieße. Tja, an dem Tag konnte ich mich nur noch darüber konzentrieren, wie ich am besten sitze, um die Schmerzen bei jeder Kurve zu verringern. Am nächsten Tag sind wir sofort zur Arztpraxis gegangen. Mein Kindheitsarzt war nicht da, seine Vertreterin habe ich also dadurch kennengelernt. Ich habe auf der Liege gesessen, sie machte einige Manipulationen, merkte, wie meine linke Wade verkrampft und hart war – kein Wunder, der Schmerz hörte nie auf. Sie prüfte, wie weit ich den Rücken nach hinten biegen kann, ziemlich weit anscheinend, sie war überrascht. Am Ende sagte sie nichts darüber, was ich haben könnte, sondern verschrieb mir für eine Woche Diclofenac. Das Präparat kam in Pulverform vor, in Einzelpäckchen. In einem Glas mit Wasser umrühren, trinken, fertig. Es hat einen komischen Pfirsich-Minze-Geschmack, auf den man sich aber schnell gewöhnt. Was für eine Erleichterung auf einmal! Nach zehn Minuten waren die Schmerze völlig verschwunden. Was gerade vier Stunden anhält. Ich brauchte also drei Päckchen am Tag, um normal leben zu können, das heißt die maximale tägliche Dosis, 150mg. Mein Urlaub dauerte zwei Wochen, ich ging also nach einer Woche zurück zur Ärztin, um ein neues Rezept zu holen, mit dem (für mich) selbstverständlichen Versprechen, nach meiner Rückkehr nach Deutschland einen Arzt zu besuchen.

Zurück nach Deutschland, der Urlaub war zu kurz wie immer. Vor allem wenn man die Sonne gegen den Regen tauscht. Ich hatte fast kein Diclofenac mehr, deswegen ich genau aufpasste, es nur im Notfall zu benutzen, zum Beispiel wenn ich Vorträge bei der Arbeit halten musste. In meiner Heimat war es nur auf Rezept zu bekommen, daher dachte ich, es wäre hier genauso. Ich rief einen ganzen Vormittag sämtliche Orthopäden in meiner Stadt an, sagte, ich brauchte dringend einen Nottermin wegen starken Schmerzen, habe aber nur Absagen bekommen, oder Termine in zwei Monaten. Vielleicht ist mein nicht ganz deutscher Akzent schuld gewesen? Nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen kommt man wirklich auf solchen Gedanken. Vor allem, weil alle meine Kollegen mir versicherten, kein Arzt würde einem Patienten einen Nottermin verweigern. Ziemlich am Ende, habe ich fast am Telefon geweint, als ich den letzten angerufen habe, und endlich sagte mir die Sekretärin, an dem Vormittag noch vorbei zu kommen. Hatten die anderen mir einfach nicht geglaubt, weil ich versucht hatte, die Fassung zu behalten? Sollen die doch alle erleben, was ich durchgemacht habe… Ich machte mich sofort auf dem Weg zur Praxis, mit dem Bus. Mir gegenüber saß eine alte Dame, die mir beim Aussteigen spontan Hilfe angeboten hatte – was für ein mieser Eindruck ich hinter gelassen haben muss! Aber nochmals vielen Dank! Beim Orthopäden bin ich über zwei Stunden geblieben, immer wieder kurz zwischen zwei Terminen. Wir haben sehr wenig gesprochen und ein Röntgenbild meines Rückens gemacht. Ich habe eine Bleischürze bekommen, um die reproduktiven Organe zu schützen. Ich dachte, irgendwie blöd, wo ich gerade die Blockade fühle kommt die Schürze, wie will er da was sehen? Jetzt denke ich, es lag daran, dass er an eine Blockade von vorne rein nicht glaubte. Und bei dem Bild war eine Verringerung zu sehen… kurz gesagt, es sah aus, als ob ich ein Bandscheibenvorfall hätte. Ich sagte ihm, dass mein Hausarzt es ausgeschlossen hatte, da ich im Juli noch ohne Problem beide Beine hoch heben konnte. Ich bekam also eine Überweisung für eine Röntgen-Tomographie, die den Befund bestätigte, und eine Spritze Cortison im Rücken um die Schmerze zu lindern – es hat einen ganzen Tag gewirkt. Danach durfte ich zur Krankengymnastik, um den Bandscheibenvorfall zu behandeln. Und ich habe die wichtigste Information bekommen, nämlich, dass Diclofenac in Deutschland ohne Rezept in der Apotheke zu kaufen ist.

Ich muss leider sagen, dass es alles nicht geholfen hat. Nach den ganzen Krankengymnastikterminen und Übungen zu Hause hatte ich immer noch so viele Schmerze. Es war in dem Maße, dass ich jeden Morgen zuerst Diclofenac schlucken musste, bevor ich in der Lage war, Socken und Schuhen anzuziehen. Ich konnte mich sonst gar nicht mehr nach vorne bücken, obwohl ich es wirklich probiert hatte, auch seitlich, mit Fingerspitzen kam ich gerade bis kurz vor dem Knöchel. Ich habe einmal früh morgens aufs Versehen mein ganzes Gewicht auf dem linken Bein verlagert, was dazu führte, dass ich anfing, unkontrolliert stark zu zittern, und nur dank des Schrankes neben mir nicht auf der Stelle zum Boden glitt. Ein Problem war auch, dass Diclofenac in Deutschland nur in Tablette-Form zu kaufen ist. Das wasserlösliche Pulver ist verboten, weil man in den Tabletten auch einen Magenschutzstoff herum haben muss. Gut gedacht, dafür musste ich aber nicht mehr zehn Minuten auf eine Wirkung warten, sondern mindestens eine Stunde. Ich habe mich also daran gewöhnt, vormittags zuerst meine Emails zu lesen, von zu Hause aus einige Ausgaben zu machen, bis ich in der Lage war, zur Arbeit zu gehen. Meine Vorgesetzten waren nicht begeistert, wenn auch immerhin verständnisvoll. An der Uni arbeitet man als Wissenschaftler sowieso immer viel mehr als die vorgesehenen 40 Stunden pro Woche, ohne Überstunden bezahlt zu bekommen – äh, Entschuldigung, es heißt „flexible unkontrollierte Arbeitszeiten“.

Nach einiger Zeit schlug mir eine Kollegin vor, zum Orthopäden ihres Mannes zu wechseln, da ich in November immer noch keine Verbesserung hatte. Der Termin wurde genommen, und wieder Krankengymnastik, die nichts brachte. Wir haben eines Dezembervormittages eine Spritze unter Computer-Tomographie versucht – die reine Hölle. Ich dachte so leicht, die stecken die Nadel rein, schauen, wo die sind, ziehen raus und stecken woanders rein… Nein! Die stecken die Nadel im Rücken, und wenn sie nicht richtig liegt, wird die Nadel drin so lange bewegt, bis die Lage stimmt. Es hat mir noch viel mehr Schmerze verursacht, als ich für möglich gehalten hätte. Und dabei soll man bitte schön ganz ruhig bleiben, sonst wissen die nicht mehr, wo die sind. Ich hatte kein Diclofenac an dem Tag genommen, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Die Spritze selbst hat aber keine Wirkung gezeigt, und mit der Art, wie die Nadel im Rücken bewegt wurde, war ich für den ganzen Tag fertig. Ich musste am Nachmittag eine Lehrveranstaltung betreuen, was ich sitzend tat, und habe meinen Chef gefragt, mich danach nach Hause zu fahren – die zehn Minuten zu Fuß waren nicht zu verkraften. Irgendwie seltsam, in der ganzen Zeit, als ich Ärzte besucht habe, ist keiner auf die Idee gekommen, mich krank zu schreiben. Hätte ich das verlangen sollen? Meine Chefin hatte auch vorgeschlagen, zum Hochschularzt zu gehen, um eine andere Meinung zu bekommen. Vergeblich. Unsere Sekretärin hatte für mich einen Termin mit der Hochschularztleiterin bekommen, die mir ungefähr sagte, ich sollte mich nicht so anstellen, es gäbe Leute, denen es schlimmer ginge, und immerhin hätte ich eine sitzende Tätigkeit – irgendwie hatte ich den Eindruck, wie könnte ich es wagen, ihre wertvolle Zeit für diese Nichtigkeit zu verschwenden. Gut, dass sie keine Praxis hat, sie würde sehr schnell pleitegehen, bei einem solchen Umgang mit Patienten. Wie auch immer, mir hatte es gereicht. Ich war mehr als bereit, den Vorschlag des Orthopäden, operiert zu werden, anzunehmen, um die Schmerze endlich los zu werden, auch wenn die Operation ohne Garantie läuft, dass es funktioniert. Seit über vier Monaten war ich jetzt dabei, täglich die maximale Tagesdosis an Diclofenac zu schlucken, ständig die Apotheke zu wechseln, um nicht aufzufallen… und diese andauernde Schmerze. Meine Mutter schickte mir ab und zu per Post das wasserlösliche Diclofenac, wenn sie bei unserem Arzt gewesen war. Vor der Operation musste ich noch eine vom Orthopäden verschriebene Schmerztherapie durchführen – der letzte Versuch. Darüber erzähle ich beim nächsten Mal.

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4 Gedanken zu “Mein Ischias – Diclofenac

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