Mein Ischias – Der Anfang

Teil 1 – Teil 2Teil 3

Vor fast drei Jahren habe ich plötzlich Rückenprobleme bekommen. Als ich anfing, es zu erwähnen, durfte ich mir unaufgefordert die Meinungen zum Thema Rücken von meinem ganzen Umfeld anhören. Die, die mich nicht so gut kennen: „Man soll auch Sport treiben, nur so kann man Rückenprobleme vermeiden.“ Ja, aber ich habe eigentlich fast täglich trainiert: Fitnessstudio, Joggen, Schwimmen, orientalischer Tanz… „Ach sooo, dann hast du eindeutig zu viel trainiert.“ Oder: „Sport ist Mord, sage ich immer.“ Na ja, Leute kann man nie zufrieden stellen, entweder treibt man zu viel oder zu wenig Sport. Ich meine aber, noch ganz genau zu wissen, wie das mit dem Rücken wirklich angefangen hat.

Ich war eines Samstagvormittages im Juni beim Fitnessstudio und hatte gerade einen neuen Training-Plan mit meiner Beraterin entwickelt. Ich habe trainiert, zuerst zwanzig Minuten Erwärmung, dann eine knappe Stunde auf die Geräte, dann gedehnt, geduscht und ab nach Hause – nur fünf Minuten vom Studio entfernt. Ich hatte noch vier Stunden bis zu meinem Bauchtanzkurs. Nach dem Mittagessen habe ich also vor dem Rechner gesessen und Baldur’s Gate gespielt, ein altes Spiel, das ich immer noch so gerne spiele. Ich habe dabei nicht besonders aufgepasst, wie ich auf meinem Stuhl saß… Als die Zeit zum Gehen kam, bin ich aufgestanden, und habe erst dann festgestellt, wie ich extrem in Hohlkreuzlage gesessen hatte, einen Stich am unteren Ende des Rückens in der Nähe vom Coccyx habe ich gespürt. Ach was, ein bisschen Bewegung, und schon geht’s besser, dachte ich. Also los zum Hochschulsport, drei Stunden Übungen, wobei ich doch merkte, dass es nicht so gut klappte wie sonst. Nach dem Tanzkurs ging ich zu Fuß nach Hause, quer durch die Stadt, das Wetter war ja so schön, doch konnte ich mich nach der Hälfte des Weges nur noch sehr langsam bewegen. Schmerze hatte ich nicht, aber wohl den Eindruck, dass irgendwas blockiert war und mich beim Gehen hindern würde. Nach Hause angekommen, beschloss ich, am Sonntag gar nicht zum Sport zu gehen, mich auszuruhen und bei der nächsten Sprechstunde meinen Hausarzt zu besuchen.

Beim Arzt also, voller Hoffnung, da er bei mir vor einigen Jahren auf Anhieb die Ursache für meine starke Brustschmerze gefunden hatte – ich hatte Bronchitis und mir beim Husten einen Wirbel verschoben. Übers Wochenende war es mit dem Rücken nicht besser geworden, immer noch keine Schmerze, aber sehr gehindert beim Gehen. Er sagte sofort, ich hätte eine Blockade, hat ein paar Manipulationen gemacht, einen Schmerzmittelpflaster am Rücken geklebt, und ich konnte danach tatsächlich besser gehen, wenn auch nicht wie vor dem Wochenende. Ich fragte ihn, ob ich noch weiter Sport machen dürfte, und er sagte, „Auf jeden Fall“. Ich habe dann für einen Lauf in meiner Stadt drei Wochen später trainiert, ab und zu noch Störungen im Rücken gespürt. Am Tag des Laufes habe ich mich nicht überanstrengt, es ging mir darum, überhaupt dabei zu sein, und ich habe mich mit einer anderen Spaßläuferin unterhalten. Nach dem Lauf wollte ich Freunde im Publikum wieder treffen und habe mich unter eine Barriere gebückt, als ich plötzlich einen stichartigen starken Schmerz am unteren Rücken spürte. Das war’s dann, ich wollte noch mit ihnen abends grillen, bin aber direkt mit dem Bus nach Hause gefahren.

Zurück zum Arzt, seit dem Lauf hatte ich jetzt ein bisschen Schmerze am unteren Rücken, und teilweise im linken Gesäß. Ich konnte nicht mehr im Hohlkreuz stehen, keine Absätze mehr tragen, und musste immer aufpassen, dass mein unterer Rücken ein bisschen rund war, um keine Schmerze zu haben. Der Hausarzt hat aber nichts anderes als beim letzten Mal gemacht, in liegender Stellung die Beine hochgehoben, ohne dabei Schmerze auszulösen, was ein Bandscheibenvorfall ausschloss, und mir homöopathische Kügelchen verschrieben. Wieder ein Moment der Sprachlosigkeit. Die Gedanke im meinem Kopf: „Er nimmt meine Beschwerde überhaupt nicht ernst. Homöopathie!“ Trotzdem habe ich an der Apotheke mein Rezept gezeigt, und habe für etwa 7€ eine Zuckermenge von 10g gekauft, glaube ich – das Hauptbestandteil der Kügelchen. Die eigentliche Moleküle selbst, die wirken soll, war bei der Verdünnung mit einer so geringen Wahrscheinlichkeit enthalten, dass ich sie nicht berücksichtigt habe. Ich bin mir ziemlich dumm vorgekommen, trotz besseren Wissens die Dinger gekauft zu haben. Immerhin dachte ich, ich könnte eine Röntgenpulveraufnahme machen, um sie ihm beim nächsten Mal vor der Nase zu halten, etwa in der Art „Schauen Sie, es ist wirklich nur Zucker drin“, aber ich habe es danach vergessen, die Dose liegt immer noch auf meinem alten Schreibtisch am Institut.

Nach diesem zweiten Arztbesuch ist der Schmerz nie verschwunden. Aber ich hatte noch die Erlaubnis, Sport zu treiben. Der Arzt sagte, Bauchtanz wäre genau das richtige für mich. Traf sich gut, ich hatte einen geplanten Auftritt Mitte Juli, und habe mich dafür vorbereitet. Beim Auftritt musste ich Aspirin schlucken, um gut tanzen zu können, wie ich es seit dem Lauf häufig tat – ich nehme sonst sehr selten Medikamente ein und dachte, so kann es nicht normal sein. Am Tag nach dem Auftritt bin ich zum Zumba-Kurs gegangen. Als ich am Ende des Kurses mich bückte, um meine Schuhen anzuziehen, spürte ich plötzlich einen starken Schmerz, der mir ganz tief die oberen äußere linke Schenkel durchlief – für mich eindeutig Ischias-Schmerze. An dem Tag brich die Hölle los. Dieser Schmerz hat mich ständig begleitet, ob beim Stehen, beim Sitzen, oder im Bett… Aspirin war nicht mehr in der Lage, mich zu betäuben. Ich habe sofort bei meinem Hausarzt eine Überweisung für einen Orthopäden geholt, und habe einen Termin bei einem von einer Kollegin empfohlenen Orthopäden für den kommenden Donnerstag bekommen – also eine Woche Wartezeit. Er war der einzige, bei dem ich in so kurzer Zeit einen Termin bekommen konnte. Meine Kollegen hatten mir zwar versichert, im Notfall könnte man zu jedem Arzt sofort gehen, aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass es von weitem nicht der Fall ist.

Die Praxis des Orthopäden lag weit weg von meiner Wohnung und ich musste mit dem Bus hinfahren. Der Schmerz war so stark, und lief er jetzt bis zur Wade runter, ich weiß nicht mehr, wie ich dahin ankam, ich erinnere mich nur ganz dunkel, dass der Bus überfüllt war. Der Termin war um 19:55 vereinbart. Am Telefon kam mir die Uhrzeit sehr merkwürdig vor, aber die Sekretärin hatte es mir mehrmals bestätigt: „Ja, um fünf vor acht abends“. Da war nichts zu missverstehen. Als ich ankam war die Praxis doch zu. Ich klopfte an die Fenster, eine Putzfrau war da, die die Tür öffnete. Als ich erklärte, dass ich einen Termin hatte, war sie sehr überrascht und meinte, keiner wäre da. Ich hätte heulen können. Das tat ich auch, nachdem ich wieder zu Hause war. Am nächsten Tag rief ich gleich in die Praxis an, um mich zu beschweren, habe aber eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter gehört, die sagte, der Orthopäde befände sich im Urlaub, und die Praxis wäre für einige Wochen geschlossen.

So viel Zeit hatte ich nicht mehr, einen anderen Arzt zu suchen, da ich am Sonntag in den Urlaub zu meinen Eltern für die zwei ersten August Wochen fliegen wollte. Am Tag der Abreise weiß ich noch, wie ich im Flugsteig mich auf zwei Sesseln hin lag, nachdem ich erneut ein Aspirin geschluckt hatte, und komische Blicke von den anderen Reisenden bekommen habe. Aber endlich konnte ich in einer Stunde meine Mutter wieder sehen, die mich am Flughafen abholen würde, und mir beim Arzt in meiner Heimat helfen würde. So endet nach fast zwei Monaten der erste Teil dieser Geschichte, die viel zu lang ist, um sie auf einmal zu schreiben.

Teil 1 – Teil 2Teil 3


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Werbeanzeigen

30 Gedanken zu “Mein Ischias – Der Anfang

Schreibe eine Antwort zu Ein Tag in Karlsruhe | Meckereien & Co. Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.