Die arbeitslose Spanierin

Geschichte von Cristina, die ich eines Novembertages beim Einkaufen kennen lernte. Sie fragte mich nach dem Weg zum Theater, und da es auf meinem Weg lag, unterhielten wir uns und tauschten unsere Telefonnummer aus.

Einige Tage später ruft sie mich an, als ich in der Umkleide des Fitness-Studios meine Sportklamotten anziehe[1]: „Ich bin in der Stadt, kannst du jetzt kommen? Wir könnten Kaffee trinken und spazieren gehen.“ Ich: „Jetzt kann ich gerade nicht, aber in anderthalb Stunden ja.“ Also treffen wir uns in einem Kaffee, und diskutieren über die Stadt (sie ist gerade eingezogen), Pläne fürs Wochenende (ich bin schon ausgebucht) und die Arbeitssuche (wir sind beide betroffen). Sie schlägt vor, dass wir uns bei der Stellensuche gegenseitig helfen könnten, sie könnte mir Tipps geben. Ich zweifle zwar daran, da sie Spanischlehrerin ist und ich Physikerin, so viele Gemeinsamkeiten haben wir nicht, aber ich sage zu, warum nicht. Danach der Spaziergang: Eigentlich ein Besuch bei allen Internetanbietern der Stadt, um den günstigsten Vertrag für Cristina zu finden.

Am nächsten Tag geht’s abends zum Weihnachtsmarkt – da ich sonst nur zu Hause Bewerbungen geschrieben habe, begrüße ich die Abwechslung. Cristina erzählt mir, wie sie mit einer Autobesitzerin aus ihrem Weiterbildungsworkshop unterwegs war und Möbel für ihre Wohnung gekauft hat. Ich bestelle mir ein Glühwein; sie nicht, schaut aber gierig zu, wie ich meinen trinke. Ich bekomme fast den Eindruck, dass sie erwartet, dass ich sie einlade. Wir gehen noch ein bisschen shoppen. Ich kaufe nichts, sie Besen und Eimer für den Haushalt. Als Cristina ihre Einkäufe durch die Straßen mit auffälliger Mühe schleppt, fragt sie, ob ich ein Auto habe. Habe ich nicht[2]. Sie schaut mich in die Augen und wiederholt betont, wie es doch nett von ihrer Bekannten war, dass sie den ganzen Tag Chauffeur für sie gespielt hat, solche Leute gäbe es so wenig. Ich: „Tja, da hast du Recht…“ Sie schlägt vor, dass wir uns am Samstag treffen – ich bin schon mit Freundinnen für einen Schmuckkurs verabredet. Sie schaut beleidigt und fragt vorwurfsvoll, warum ich ihr nicht angeboten habe, mitzukommen. Dabei war der Kurs schon ausgebucht, bevor ich Cristina überhaupt kennengelernt habe. Sie sagt dann mit ernsthafter Miene, es wäre selbstverständlich, dass ich ihr alle meine Freunde vorstelle, da sie gerade angekommen ist und so gut wie niemanden kennt. Mein Ischias meldet sich und ich verabschiede mich von ihr, nachdem wir uns für den nächsten Tag auf ihren Vorschlag hin bei mir verabreden. Ich habe Internet und sie könnte ja mit ihrem Laptop nach Stellen suchen. Irgendwie habe ich aber ein schlechtes Gefühl, ich lebe gerne allein, habe jede Menge Bewerbungen zu schreiben und fühle mich überfordert, eine gerade kennengelernte Person schon drei Tage hintereinander treffen zu müssen – vor allem, weil sie sich bei mir so verhält, als ob ich nur für ihre Bedürfnisse zur Verfügung stehen sollte.

Also Freitag: Wir haben uns gegen 12:00 verabredet, da ich nachmittags noch einen Vortrag einer früheren Kollegin an der Uni hören wollte. Natürlich, um diese Uhrzeit musste ich sie zum Essen einladen – ich koche gerne, es ist kein Umstand, ich bereite in der Tajine[3] Grünkern mit grünen Bohnen, Schafskäse und Oliven[4] vor. Um 12:30 ruft Cristina mich an, weil sie verspätet ist, um 13:00 kommt sie an. Sie geht zum Wohnzimmer[5], dreht einmal um sich selbst mit gestreckten Armen, lacht und sagt, wie sie sich gut vorstellen könnte, hier zu wohnen. Als sie plötzlich meine Katze merkt, kündigt sie an, sie sei allergisch und verlangt, dass ich sie in ein anderes Zimmer einsperre. Dabei hatte ich ihr schon mehrmals gesagt, dass ich eine Katze habe und lehne deshalb ab, da meine Wohnung auch ihr Zuhause ist (danach hat sie eh keine Symptome entwickelt, wie ich sie von anderen Allergikern kenne). Wir gehen zur Küche. Ich habe viel gekocht; ich staune, sage aber nichts, als sie sich zum dritten Mal den Teller zum Rand füllt. Ich frage sie, warum sie aus ihrer früheren Stadt ausgezogen ist, da sie ihrer Aussage nach ohne Auto ihren ganzen Besitz zurücklassen und hier alles neu kaufen musste, keine Bekannte und keine Arbeit hat. Ihre Antwort ist so schwammig und undeutlich formuliert, dass ich das Thema lieber sein lasse. Nach dem Mittagessen schlage ich ihr vor, sich mit ihrem Laptop im Wohnzimmer zu installieren, den Laptop hat sie aber vergessen. Leider hat mein eigener PC ausgerechnet an dem Vormittag nach vielen Jahren guter Leistung den Geist aufgegeben. Wir gehen also raus und ich führe sie in der Gegend rum, mit der Idee, ihr Cafés zu zeigen, wo sie kostenlos WLAN benutzen kann. Als die Zeit für den Vortrag sich nähert, will ich mich verabschieden, da fragt sie, ob sie mitkommen könnte. Es handelt sich um ein sehr spezielles Thema in der Physik und ist eher für eine geschlossene Gesellschaft gedacht, wir kennen uns dort alle, also sage ich, dass es für sie keinen Sinn macht. Sie schaut ziemlich erschüttert aus und fragt mich, was sie denn alleine machen soll, wenn ich jetzt weg gehe. Gereizt, da sie mir im Laufe der Zeit immer mehr auf die Nerven gegangen ist, sage ich ihr, es sei nicht mein Problem. Dabei muss ich sie ziemlich beleidigt haben, da sie sich nie wieder bei mir gemeldet hat.

[1] Ich habe ziemlich viele Probleme mit dem Rücken und insbesondere Ischias gehabt. Das alleine wäre schon mindestens ein Eintrag wert. Seitdem es mir besser geht, versuche ich fleißig die Wirbelsäulengymnastik zu besuchen.
[2] Will ich auch nicht, solange es sich vermeiden lässt. In einer Stadt brauche ich keins, es ist nicht gerade umweltfreundlich, Benzin und Versicherung sind sau teuer, ab und zu finden es einige lustig, die Scheiben zu zerbrechen oder Autos in Brand zu stecken, und dazu kommt noch der Stress mit dem Parkplatz finden.
[3] Eigentlich gehört die Tajine nicht zu meiner Kochkultur. Ich habe sie als Abschiedsgeschenk von meinen lieben Kollegen bekommen und habe erst dann gemerkt, wie lecker Speisen aus der Tajine schmecken können.
[4] Naturgereifte schwarze Oliven. An allen, die meinen, keine schwarzen Oliven zu mögen, empfehlen ich, genau auf der Verpackung zu achten. Ich habe in Deutschland entdeckt, dass es auch künstlich geschwärzte Oliven gibt, die man in vielen Restaurants serviert bekommt. Die schmecken ekelhaft und irgendwie nach Seife.
[5] Als mein Nachbar ausgezogen ist, habe ich zwecks Ruhe meine Einzimmerwohnung mit seiner erweitert (es war vorher sowieso nur eine Wohnung, die in zwei geteilt wurde). So ist der Wohnzimmer entstanden.

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