Meine Erfahrung mit dem Schlafwandeln

Als Kind habe ich nie Schlafwandeln erlebt – jedenfalls erinnern sich meine Eltern nicht daran. Meine kurze Erfahrung mit dem Schlafwandeln fängt ein oder zwei Jahre nach dem Anfang der Pubertät an, in der Mittelstufe, ich war damals in der 7. oder 8. Klasse.

Bei meiner ersten Episode träumte ich, dass es früh morgens war, und ich dabei war, Kleider im Schrank zu holen, um mich für die Schule anzuziehen. Plötzlich kam aus dem Schrank, auf Augenhöhe, eine riesige grüne Schlange auf mich zu. Ich war so erschrocken, dass ich erwachte – um festzustellen, dass ich tatsächlich im Dunkel vor meinem Kleiderschrank stand und in der Hand ein Rock hielt. Es fiel mir schwer, wieder ruhig einzuschlafen.

Beim zweiten Mal hatte ich nicht geträumt; ich weiß aber noch, wie ich beim Schlafwandeln in meinem Schlafzimmer mehrmals für Bruchteile von Sekunden aufgewacht wurde und wieder einschlief. Zuerst stand ich an der Tür des Schlafzimmers, links von meinem Bett, und war dabei, das Scharnier mit meinen Fingern zu tasten. Kurz darauf erwachte ich neben meinem Schreibtisch. Beim nächsten kurzen Aufwachen berührte ich die Scharniere des Fensters am Ende meines Bettes. Nach der letzten Szene beim Aufwachen konnte ich aber nicht mehr einschlafen. Ich war im Schlaf um mein Bett gegangen und neben dem Bett meiner jüngeren Schwester angekommen, über sie gebeugt, mit der kleinen Stehlampe in der Hand, die ich hochgehoben hatte. Als ich in diesem Zustand aufwachte habe ich einen großen Schock bekommen. Ich ging also mitten in der Nacht zum Schlafzimmer meiner Eltern, weckte sie und sagte, ich wollte nicht mehr im meinem Zimmer schlafen, ob sie mich im Wohnzimmer einsperren könnten. Natürlich wollten sie das nicht tun, ich konnte auch nicht ganz richtig erklären, was passiert war, meine Mutter sagte, Schlafwandeln wäre normal, und ich habe den Rest der Nacht sitzend in meinem Bett verbracht. Zum Glück habe ich danach nie wieder Schlafwandeln-Episoden erlebt.

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Logisches Denken im Traum

Das ist etwas, dass bei mir sehr selten vorkommt. Meistens wirkt es bei mir nicht komisch, wenn ich mich zum Beispiel in einem Aufzug befinde, und dieser fängt plötzlich an, sich auch horizontal zu bewegen, oder sogar aus dem Gebäude raus zu schießen. Nur beim Aufwachen merke ich, wie bescheuert der Traum war.

Als ich Studentin war, habe ich einmal kurz vor dem Aufwachen geträumt, ich befände mich im All und hätte plötzlich alle Fragen über das Universum und das Leben verstanden (ich hatte „Per Anhalter durch die Galaxis“ noch nicht gelesen). Es war ein tolles Gefühl, ich schwebte da im Dunkel und wusste, wie man Relativitätstheorie mit Quantentheorie zusammen bindet, das war alles so klar. Beim Aufwachen merkte ich, dass die Sätze im meinem Kopf völlig unsinnig waren.

Anders heute Morgen.

Ich war zum Vorstellungsgespräch in einer Chemie-Firma eingeladen worden. Ich befand mich in einer Gruppe und wir besichtigten die Hallen. Als wir zum Syntheselabor ankamen drückte mir die Leiterin einen kubischen Kristall in die Hand und wollte als Test wissen, wie die Flächen vom Kristall indiziert waren. Einfach, dachte ich, und fing an, sie durchzunummerieren: (100), (010), Oktaederflächen {111} waren auch dabei… Aber plötzlich wurde die Leiterin sauer und sagte, ich würde nur Blödsinn erzählen. Sie gab mir die „richtigen“ Indizien, die für mich überhaupt keinen Sinn ergaben. Ich malte ihr sogar an einem schwarzen Brett, der plötzlich vor mir erschien, wie man anhand der Elementarzelle äußeren Flächen von einem Kristall indiziert. Sie wollte nichts davon wissen, nahm eine Kreide und malte in den Zellen + oder – Zeichen, indem sie leise murmelte, „Plus Plus“, „Minus Minus“, „Plus Minus“, keine Ahnung, woher sie eine solche komische Art vom Flächen indizieren gelernt haben soll.

Ich war so geärgert, dass ich davon aufwachte und merkte, dass ich im Traum alles korrekt gerechnet hatte. Es handelte sich leider um keine bahnbrechende Ergebnisse.

Plötzlich wieder aufgetaucht

Manchmal freut es mich, lange nicht mehr gesehenen Bekannten wieder zu sehen. Manchmal nicht. Genau wie bei Hülya, die vor kurzem nach gut fünf sechs Jahren Funkstille plötzlich bei mir vor der Tür stand.

Ich habe Hülya durch meinen Arbeitskollegen Sebastian kennen gelernt. Er hatte mich eines Abends zum Grillen im Westpark eingeladen, und sie war auch dabei. Wir haben uns später bei ihm wieder getroffen und Kontaktdaten getauscht. Gerne hätte ich mit ihr häufiger kleine Konzerte in Kneipen besucht. Da sie arbeitslos war, haben wir uns aber zunehmend bei mir getroffen. Wir haben viel gequatscht, wobei ich mehr zugehört als geredet habe. Und geraucht. Mensch, was hat sie geraucht, viel mehr als ich. Selbst gedrehte Zigaretten. Aber irgendwie hat es Spaß gemacht, mit ihr zu reden und zu lachen. Auch wenn ich sie gleichzeitig zu vulgär in ihrer Wortwahl gefunden hatte, sie hatte zu viele Schimpfwörter benutzt, und zu viel über anderen gelästert. Als sie sich nach einiger Zeit jedes Wochenende bei mir eingeladen hat, habe ich gemerkt, dass es bei mir immer mehr heftige Kopfschmerzen verursacht hat. Ich habe damals gedacht, es läge am Zigarettengeruch, und hatte alle Fenster breit aufgemacht. Im Nachhinein würde ich jetzt sagen, es ist ein Zeichen dafür, dass jemand einem die Lebensenergie aussaugt – wie Vampiren, oder Parasiten.

Worüber hatten wir uns unterhalten? Wir waren beide Single und haben uns beschwert, wie schwierig es wäre, einen guten Mann zu finden. Ich war damals unglücklich verliebt; Hülya lebte noch bei ihrem Ex-Freund Kay und hatte eine sporadische Beziehung mit Olivier aus ihrem alten Studentenwohnheim. Sie erzählte auch, wie eine Spanierin aus dem gleichen Wohnheim versucht hatte, mit ihr eine sexuelle Beziehung zu haben, was sie als hartnäckige heterosexuelle Frau sehr gestört hätte. Es klang für mich irgendwie seltsam, aber na gut, es kann auch passieren. Kurz danach fragte sie mich, ob ich nach so langem Single-Sein keine Lust hätte, mit Frauen, zum Beispiel mit ihr, Sex zu haben. Aha… Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, meinte sie, es wäre nur gedacht, um mich zum Lachen zu bringen. Ach so… Ich fragte mich, ob die Geschichte mit der Spanierin wirklich so passierte, wie sie es mir geschildert hatte. Nach einer Weile ging es aber nur noch um Hülya. Sie hatte einmal die Frechheit gehabt, mir zu sagen, meine Probleme würden Sie nicht interessieren, da ihre eigenen noch schlimmer wären. Ich sollte nur dazu beitragen, bei ihren Beschwerden Mitleid zu haben, ohne mich je beklagen zu dürfen. Probleme schien sie auch zu haben, ich habe aber nie verstanden, was sie daran hindern sollte, ihr Leben zu ändern. Zuerst Arbeit finden. So häufig hat sie sich beschwert, keine Arbeit und kein Geld zu haben, nicht mehr bei ihrem Ex-Freund wohnen müssen zu wollen, aber ich habe noch nie erfahren, dass sie sich irgendwo beworben hätte. Ihre Ausrede war, wenn sie eine Arbeit hätte, müsste sie dann ihr Bafög zurück bezahlen, solange sie arbeitslos bliebe, müsste sie es nicht tun. Dabei hat sie ihr Studium nie zu Ende gebracht. Monatelang durfte ich mir alle ihre Beschwerden anhören, über ihr Single-Sein, ihre bösartige Familie und ihre Menstruationsprobleme. Sie lästerte die ganze Zeit über andere Leute. Leute, die sie unfair behandeln würden, sie schimpfen würden… Nur, von der Art, wie sie selbst redet und sich verhält, dachte ich, dass sie es sich vielleicht verdient hatte. Ich habe mich schon gefragt, wie sie bei anderen über mich sprechen würde, denn ich nie erlebt hatte, dass sie über jemanden etwas Gutes zu sagten hatte. Als ich sie einmal fragte, ob es nicht zu kompliziert für ihre Beziehung mit Olivier war, mit ihrem Ex-Freund Kay zusammen zu leben, wirkte sie beleidigt und meinte, Kay wäre doch immer noch ihr Freund. Was also das Zusammentreffen mit Hülya für mich so schwer zu ertragen machte, war nicht nur, dass sie sich ständig beschwerte und erwartete, dass ich für alle ihre Probleme Verständnis hätte, sondern auch, dass sie so viele widersprüchliche Aussagen machte.

Eines Tages kam Hülya zu mir und sagte, sie hätte etwas wichtiges mir mitzuteilen. Was war’s? Nachdem sie mir so lange gesagt hatte, sie wäre Single und würde so gerne endlich einen Mann finden, und dabei mein Mitleid haben wollte, erzählte sie mir plötzlich, sie wäre eigentlich verheiratet. Sie hatte es meinem Kollegen Sebastian erzählt und wollte es mir jetzt sagen, bevor ich es von ihm höre. Ihr Mann würde sich aber nicht für sie interessieren, deswegen sie andere Männer gesucht hätte. Sie hatte ihn damals mit Hilfe von ihrem ganzen Bafög-Geld zu einer Hochzeit gebracht, weil sie als Türkin sonst keine Aufenthaltserlaubnis mehr hätte. Dabei würde ihr Mann aber nur Frauen übers Internet suchen, zum Beispiel aus Südamerika, und sie nach Deutschland holen. Was kann ich sagen? Wenn einige ihrer früheren Geschichte mir schon unglaubwürdig vorkamen, war diese letzte der Hammer. Sie meinte dann, sie hätte mir die „Wahrheit“ nicht früher erzählt, da sie Angst hätte, ich hätte kein Verständnis für ihre Lebensweise. Wofür ich aber definitiv kein Verständnis habe, ist, wenn Leute nur Lügen hintereinander aufreihen. Sie wollte sich auch beim Einwohnermeldeamt mit meiner Adresse melden, um ihre Korrespondenz per Post bei mir zu bekommen. Den Grund dafür habe ich nie verstanden. Was ich wohl verstanden habe, ist, dass ich bei der Behörde für sie lügen und sagen sollte, dass sie bei mir wohnen würde. Das kam für mich nicht in Frage. Ich war also insgesamt nicht wirklich traurig, als wir uns kurz danach nach einer scheinbaren Nichtigkeit gestritten hatten und nicht mehr getroffen hatten – es kam nach einem guten Jahr eher wie eine Erlösung.

Und vor etwa einem Monat hat sie bei mir eines Abends geklingelt. Ich muss zugestehen, ich hatte sie inzwischen völlig vergessen. An der Sprechanlage: „Ich bin’s!“ Ich, misstrauisch, da ich auch niemanden erwartet hatte: „Wer, ich?“ Sie: „Na ich, Hülya. Hör mal, ich muss mit dir reden.“ Ich habe sie bei mir nicht eingeladen und bin die Treppen runtergegangen. Wir haben uns vor meiner Haustür unterhalten. Sie meinte, sie wollte sich nach all den Jahren für unseren Streit entschuldigen, weil sie keine Ruhe hätte und an nichts anderes denken könnte, ich wäre immer so nett zu ihr gewesen und sie hätte es nicht geschätzt. Sie sagte auch, sie hätte schon vorher häufig versucht, bei mir zu klingeln, als sie in der Gegend war. Ich habe mich dabei gefragt, ob ich es ihr zu verdanken hatte, ab und zu am Sonntagmorgen gegen 07:00 aufgewacht zu sein, weil jemand meine Türklingel betätigt hatte. Ich habe aber nichts gesagt. Wenn ihr eine Entschuldigung so wichtig war, wollte ich es ihr nicht verderben, auch wenn ich gleichzeitig dachte, hoffentlich bleibt es auch dabei und sie versucht nicht, wie vorher Kontakt zu knüpfen. Eine der ersten Sachen, um die sie mich gebeten hat und die mir komisch vorkam, war, dass ich Sebastian nicht sagen sollte, dass sie wieder mit mir Kontakt aufgenommen hat. Dabei ist er seit längerer Zeit für eine neue Arbeit umgezogen. Sie fragte mich, ob mein Nachbar, der Deutschlehrer, der so laut war, immer noch auf der Etage wohnen würde. Leichtsinnigerweise sagte ich, er war ausgezogen und ich hatte seine Wohnung zwecks Ruhe übernommen. Sofort bemerkte sie, es wäre so praktisch, da sie dann bei mir wohnen könnte. Was haben die denn alle? Die arbeitslose Spanierin Cristina, die ich nur so kurz kennen gelernt hatte, hatte genau die gleiche Reaktion, als sie mein Wohnzimmer sah. Ich habe ihre Idee sofort abgelehnt. Hülya wollte gleich an dem Abend mit mir Kaffee trinken gehen. Ich habe aus Prinzip nein gesagt, da sie unangekündigt kam und nicht erwarten konnte, dass ich für sie sofort verfügbar sein sollte, und habe mich für den nächsten Abend in einem Cafe verabredet, mit der Idee, einmal getroffen reicht, und dann brauche ich sie nie wieder zu sehen. Sie wollte lieber den Abend bei mir verbringen, „so wie früher“; als ich aber sagte, bei mir würde keiner mehr rauchen dürfen, weil ich aufgehört habe, war sie mit dem Cafe einverstanden.

Wir haben uns in einem Lokal nicht weit weg von meiner Wohnung getroffen, wo ich noch nie war. Hülya sagte, es wäre jetzt ihr Stammcafe geworden. Die Kellner würden sich aber nicht nett mit ihr verhalten. Der Raucherbereich war ein großes Zimmer mit sehr hoher Decke, wo wir alleine gesessen haben, so dass ich dachte, ausnahmsweise meine Klamotten danach nicht gleich in die Waschmaschine stecken zu müssen. Wir haben uns unterhalten und mir wurde sofort klar, dass sie sich gar nicht geändert hat. Sie hat an dem Abend besonders übel über Sebastian und seine Frau Amandine geredet, die sie aus der Zeit kennt, als die beide im Studentenwohnheim zusammen waren. Ach so, deswegen wollte sie nicht, dass Sebastian erfährt, dass sie wieder mit mir sprechen wollte? Haben die sich gestritten, oder hat sie ihm schlechtes über mich erzählt? Mir gefällt es wirklich nicht, wenn ich zuhöre, wie jemand über anderen so lästert, und wollte das Thema wechseln. Wieder hat Hülya über ihr Leben geklagt, über ihre Arbeitslosigkeit, über die Tatsache, dass sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Baden-Württemberg jetzt wohnt, über ihre Gesundheit… Als der Kopfschmerz nach einer knappen Stunde kam, war ich nicht überrascht. Ich habe es ihr auch gleich gesagt, mit dem Ergebnis, dass wir nach noch einer Stunde das Cafe endlich verlassen haben. Sie sagte, wie es damals schön war, als sie jeder Zeit zu mir kommen und von mir leckeres zu essen bekommen konnte. Ich habe ihr die Geschichte von Cristina erzählt, die mir in einer Woche so viel Zeit und Energie geklaut hatte, dass ich sie nicht mehr sehen wollte, in der Hoffnung, sie könnte ihr eigenes Verhalten damit vergleichen und sich selbst in Frage stellen. Sie meinte am Ende, es wäre schön, mit mir wieder gesprochen zu haben, wobei ich zu streng geworden wäre, da sie zum Beispiel nicht mehr bei mir rauchen dürfte, das wäre so doof. Ich stimmte ihr zu, so wäre ich nun geworden. Eigentlich habe ich aber gar nicht mehr vor, sie zu Hause zu Besuch zu haben, das mit dem Rauchen ist nur eine bequeme Ausrede. Zu Hause angekommen merkte ich doch, wie stark der Zigarettengeruch an meinen Kleidern klebte. Ab in die Waschmaschine.

Nach einer Woche meldete sich Hülya wieder. Sie rief mich an, als ich mit Freunden beim Mittagessen in der Stadt war. Sie wollte sich mit mir gleich am Nachmittag treffen, ich war aber schon mit einer Freundin verabredet. Sie sagte, sie würde mich dann später zurückrufen. Bei meinem Ton am Telefon fragten meine Freunde sofort, was los war. Ich habe ihnen also die Geschichte von Hülya kurz geschildert. Sie haben mir vorgeschlagen, nicht mehr an der Sprechanlage zu antworten, wenn jemand abends klingelt, und nicht mehr ans Telefon zu gehen, wenn die Nummer nicht angezeigt wird – da sie mich nur mit versteckter Nummer angerufen hat. Ihre Nummer habe ich sonst lange nicht mehr. Das ist blöd, falls ich einen Anruf für eine Bewerbung bekomme, aber ich habe es noch nie erlebt, dass Firmen ihre Nummer verstecken. Ich habe dann meine Freunde gewarnt, dass sie mich immer vorher anrufen sollen, wenn sie mich spontan besuchen wollen. Bis jetzt war es effektiv.

An der Ampelkreuzung

Ein Vormittag im späten Frühling, schon lange her. Das Wetter war angenehm. Ich stand an der Ampelkreuzung, auf dem Weg zur Arbeit. Neben mir zwei anderen Personen, gegenüber drei, wir warteten, dass das Männchen grün wird. Plötzlich wehte eine Brise, die unsere Haare und Klamotten leicht bewegte, sowie die Blätter in den Bäumen. Ich kam mir wie in einer Zeitluppe in einem Western-Film vor und hätte fast erwartet, dass einer gleich mit der Hand zum Gürtel greifen würde. Ich musste mich zusammen reißen, um nicht wegen des absurden Bildes in meinem Kopf lauthals zu lachen. Die Frau auf der anderen Straßenseite lächelte mich an. Vielleicht haben wir die gleiche Idee gehabt? Das Männchen wurde grün, das Western-Bild verschwand und wir gingen unsere getrennten Wege weiter.

An der Ampelkreuzung

Mein Ischias – Diclofenac

Teil 1 – Teil 2 – Teil 3

Am Flughafen wurde ich wie geplant von meiner Mutter abgeholt. Wir gingen langsam zum Auto auf dem Parkplatz – mit Schneckentempo, da ich aufpassen musste, mein linkes Bein möglichst wenig zu belasten. Dann ab nach Hause, 45 Minuten auf der Autobahn, und gleich lang auf diesen kleinen Voralpen-Straßen, die von der so wunderschönen Landschaft umgeben sind und ich normalerweise so sehr genieße. Tja, an dem Tag konnte ich mich nur noch darüber konzentrieren, wie ich am besten sitze, um die Schmerzen bei jeder Kurve zu verringern. Am nächsten Tag sind wir sofort zur Arztpraxis gegangen. Mein Kindheitsarzt war nicht da, seine Vertreterin habe ich also dadurch kennengelernt. Ich habe auf der Liege gesessen, sie machte einige Manipulationen, merkte, wie meine linke Wade verkrampft und hart war – kein Wunder, der Schmerz hörte nie auf. Sie prüfte, wie weit ich den Rücken nach hinten biegen kann, ziemlich weit anscheinend, sie war überrascht. Am Ende sagte sie nichts darüber, was ich haben könnte, sondern verschrieb mir für eine Woche Diclofenac. Das Präparat kam in Pulverform vor, in Einzelpäckchen. In einem Glas mit Wasser umrühren, trinken, fertig. Es hat einen komischen Pfirsich-Minze-Geschmack, auf den man sich aber schnell gewöhnt. Was für eine Erleichterung auf einmal! Nach zehn Minuten waren die Schmerze völlig verschwunden. Was gerade vier Stunden anhält. Ich brauchte also drei Päckchen am Tag, um normal leben zu können, das heißt die maximale tägliche Dosis, 150mg. Mein Urlaub dauerte zwei Wochen, ich ging also nach einer Woche zurück zur Ärztin, um ein neues Rezept zu holen, mit dem (für mich) selbstverständlichen Versprechen, nach meiner Rückkehr nach Deutschland einen Arzt zu besuchen.

Zurück nach Deutschland, der Urlaub war zu kurz wie immer. Vor allem wenn man die Sonne gegen den Regen tauscht. Ich hatte fast kein Diclofenac mehr, deswegen ich genau aufpasste, es nur im Notfall zu benutzen, zum Beispiel wenn ich Vorträge bei der Arbeit halten musste. In meiner Heimat war es nur auf Rezept zu bekommen, daher dachte ich, es wäre hier genauso. Ich rief einen ganzen Vormittag sämtliche Orthopäden in meiner Stadt an, sagte, ich brauchte dringend einen Nottermin wegen starken Schmerzen, habe aber nur Absagen bekommen, oder Termine in zwei Monaten. Vielleicht ist mein nicht ganz deutscher Akzent schuld gewesen? Nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen kommt man wirklich auf solchen Gedanken. Vor allem, weil alle meine Kollegen mir versicherten, kein Arzt würde einem Patienten einen Nottermin verweigern. Ziemlich am Ende, habe ich fast am Telefon geweint, als ich den letzten angerufen habe, und endlich sagte mir die Sekretärin, an dem Vormittag noch vorbei zu kommen. Hatten die anderen mir einfach nicht geglaubt, weil ich versucht hatte, die Fassung zu behalten? Sollen die doch alle erleben, was ich durchgemacht habe… Ich machte mich sofort auf dem Weg zur Praxis, mit dem Bus. Mir gegenüber saß eine alte Dame, die mir beim Aussteigen spontan Hilfe angeboten hatte – was für ein mieser Eindruck ich hinter gelassen haben muss! Aber nochmals vielen Dank! Beim Orthopäden bin ich über zwei Stunden geblieben, immer wieder kurz zwischen zwei Terminen. Wir haben sehr wenig gesprochen und ein Röntgenbild meines Rückens gemacht. Ich habe eine Bleischürze bekommen, um die reproduktiven Organe zu schützen. Ich dachte, irgendwie blöd, wo ich gerade die Blockade fühle kommt die Schürze, wie will er da was sehen? Jetzt denke ich, es lag daran, dass er an eine Blockade von vorne rein nicht glaubte. Und bei dem Bild war eine Verringerung zu sehen… kurz gesagt, es sah aus, als ob ich ein Bandscheibenvorfall hätte. Ich sagte ihm, dass mein Hausarzt es ausgeschlossen hatte, da ich im Juli noch ohne Problem beide Beine hoch heben konnte. Ich bekam also eine Überweisung für eine Röntgen-Tomographie, die den Befund bestätigte, und eine Spritze Cortison im Rücken um die Schmerze zu lindern – es hat einen ganzen Tag gewirkt. Danach durfte ich zur Krankengymnastik, um den Bandscheibenvorfall zu behandeln. Und ich habe die wichtigste Information bekommen, nämlich, dass Diclofenac in Deutschland ohne Rezept in der Apotheke zu kaufen ist.

Ich muss leider sagen, dass es alles nicht geholfen hat. Nach den ganzen Krankengymnastikterminen und Übungen zu Hause hatte ich immer noch so viele Schmerze. Es war in dem Maße, dass ich jeden Morgen zuerst Diclofenac schlucken musste, bevor ich in der Lage war, Socken und Schuhen anzuziehen. Ich konnte mich sonst gar nicht mehr nach vorne bücken, obwohl ich es wirklich probiert hatte, auch seitlich, mit Fingerspitzen kam ich gerade bis kurz vor dem Knöchel. Ich habe einmal früh morgens aufs Versehen mein ganzes Gewicht auf dem linken Bein verlagert, was dazu führte, dass ich anfing, unkontrolliert stark zu zittern, und nur dank des Schrankes neben mir nicht auf der Stelle zum Boden glitt. Ein Problem war auch, dass Diclofenac in Deutschland nur in Tablette-Form zu kaufen ist. Das wasserlösliche Pulver ist verboten, weil man in den Tabletten auch einen Magenschutzstoff herum haben muss. Gut gedacht, dafür musste ich aber nicht mehr zehn Minuten auf eine Wirkung warten, sondern mindestens eine Stunde. Ich habe mich also daran gewöhnt, vormittags zuerst meine Emails zu lesen, von zu Hause aus einige Ausgaben zu machen, bis ich in der Lage war, zur Arbeit zu gehen. Meine Vorgesetzten waren nicht begeistert, wenn auch immerhin verständnisvoll. An der Uni arbeitet man als Wissenschaftler sowieso immer viel mehr als die vorgesehenen 40 Stunden pro Woche, ohne Überstunden bezahlt zu bekommen – äh, Entschuldigung, es heißt „flexible unkontrollierte Arbeitszeiten“.

Nach einiger Zeit schlug mir eine Kollegin vor, zum Orthopäden ihres Mannes zu wechseln, da ich in November immer noch keine Verbesserung hatte. Der Termin wurde genommen, und wieder Krankengymnastik, die nichts brachte. Wir haben eines Dezembervormittages eine Spritze unter Computer-Tomographie versucht – die reine Hölle. Ich dachte so leicht, die stecken die Nadel rein, schauen, wo die sind, ziehen raus und stecken woanders rein… Nein! Die stecken die Nadel im Rücken, und wenn sie nicht richtig liegt, wird die Nadel drin so lange bewegt, bis die Lage stimmt. Es hat mir noch viel mehr Schmerze verursacht, als ich für möglich gehalten hätte. Und dabei soll man bitte schön ganz ruhig bleiben, sonst wissen die nicht mehr, wo die sind. Ich hatte kein Diclofenac an dem Tag genommen, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Die Spritze selbst hat aber keine Wirkung gezeigt, und mit der Art, wie die Nadel im Rücken bewegt wurde, war ich für den ganzen Tag fertig. Ich musste am Nachmittag eine Lehrveranstaltung betreuen, was ich sitzend tat, und habe meinen Chef gefragt, mich danach nach Hause zu fahren – die zehn Minuten zu Fuß waren nicht zu verkraften. Irgendwie seltsam, in der ganzen Zeit, als ich Ärzte besucht habe, ist keiner auf die Idee gekommen, mich krank zu schreiben. Hätte ich das verlangen sollen? Meine Chefin hatte auch vorgeschlagen, zum Hochschularzt zu gehen, um eine andere Meinung zu bekommen. Vergeblich. Unsere Sekretärin hatte für mich einen Termin mit der Hochschularztleiterin bekommen, die mir ungefähr sagte, ich sollte mich nicht so anstellen, es gäbe Leute, denen es schlimmer ginge, und immerhin hätte ich eine sitzende Tätigkeit – irgendwie hatte ich den Eindruck, wie könnte ich es wagen, ihre wertvolle Zeit für diese Nichtigkeit zu verschwenden. Gut, dass sie keine Praxis hat, sie würde sehr schnell pleitegehen, bei einem solchen Umgang mit Patienten. Wie auch immer, mir hatte es gereicht. Ich war mehr als bereit, den Vorschlag des Orthopäden, operiert zu werden, anzunehmen, um die Schmerze endlich los zu werden, auch wenn die Operation ohne Garantie läuft, dass es funktioniert. Seit über vier Monaten war ich jetzt dabei, täglich die maximale Tagesdosis an Diclofenac zu schlucken, ständig die Apotheke zu wechseln, um nicht aufzufallen… und diese andauernde Schmerze. Meine Mutter schickte mir ab und zu per Post das wasserlösliche Diclofenac, wenn sie bei unserem Arzt gewesen war. Vor der Operation musste ich noch eine vom Orthopäden verschriebene Schmerztherapie durchführen – der letzte Versuch. Darüber erzähle ich beim nächsten Mal.

Teil 1 – Teil 2 – Teil 3

Bläh

Ich sitze vor meinem Rechner und merke am Geruch, wie meine Nachbarin drei Etagen tiefer ihre Wohnungstür geöffnet hat, damit ihre Katze im Treppenhaus spazieren gehen kann. Was mich stört ist nicht, dass die Katze frei rumläuft. Eigentlich würde ich gerne genau dann meine eigene Tür öffnen, damit meine Katze sich zu ihr gesellen kann. Tue ich aber nicht, weil selbst mit allen geschlossenen Türen und Fenstern der Zigarettengeruch schon in meiner Wohnung eindringt. Es ist mir egal, ob sie bei sich raucht oder nicht, aber muss man als Kettenraucherin die ganze Zeit die Wohnungstür breit geöffnet lassen, wenn die Katze raus muss?
Notiz an selbst: Zuglufttier besorgen.

Mein Ischias – Der Anfang

Teil 1 – Teil 2Teil 3

Vor fast drei Jahren habe ich plötzlich Rückenprobleme bekommen. Als ich anfing, es zu erwähnen, durfte ich mir unaufgefordert die Meinungen zum Thema Rücken von meinem ganzen Umfeld anhören. Die, die mich nicht so gut kennen: „Man soll auch Sport treiben, nur so kann man Rückenprobleme vermeiden.“ Ja, aber ich habe eigentlich fast täglich trainiert: Fitnessstudio, Joggen, Schwimmen, orientalischer Tanz… „Ach sooo, dann hast du eindeutig zu viel trainiert.“ Oder: „Sport ist Mord, sage ich immer.“ Na ja, Leute kann man nie zufrieden stellen, entweder treibt man zu viel oder zu wenig Sport. Ich meine aber, noch ganz genau zu wissen, wie das mit dem Rücken wirklich angefangen hat.

Ich war eines Samstagvormittages im Juni beim Fitnessstudio und hatte gerade einen neuen Training-Plan mit meiner Beraterin entwickelt. Ich habe trainiert, zuerst zwanzig Minuten Erwärmung, dann eine knappe Stunde auf die Geräte, dann gedehnt, geduscht und ab nach Hause – nur fünf Minuten vom Studio entfernt. Ich hatte noch vier Stunden bis zu meinem Bauchtanzkurs. Nach dem Mittagessen habe ich also vor dem Rechner gesessen und Baldur’s Gate gespielt, ein altes Spiel, das ich immer noch so gerne spiele. Ich habe dabei nicht besonders aufgepasst, wie ich auf meinem Stuhl saß… Als die Zeit zum Gehen kam, bin ich aufgestanden, und habe erst dann festgestellt, wie ich extrem in Hohlkreuzlage gesessen hatte, einen Stich am unteren Ende des Rückens in der Nähe vom Coccyx habe ich gespürt. Ach was, ein bisschen Bewegung, und schon geht’s besser, dachte ich. Also los zum Hochschulsport, drei Stunden Übungen, wobei ich doch merkte, dass es nicht so gut klappte wie sonst. Nach dem Tanzkurs ging ich zu Fuß nach Hause, quer durch die Stadt, das Wetter war ja so schön, doch konnte ich mich nach der Hälfte des Weges nur noch sehr langsam bewegen. Schmerze hatte ich nicht, aber wohl den Eindruck, dass irgendwas blockiert war und mich beim Gehen hindern würde. Nach Hause angekommen, beschloss ich, am Sonntag gar nicht zum Sport zu gehen, mich auszuruhen und bei der nächsten Sprechstunde meinen Hausarzt zu besuchen.

Beim Arzt also, voller Hoffnung, da er bei mir vor einigen Jahren auf Anhieb die Ursache für meine starke Brustschmerze gefunden hatte – ich hatte Bronchitis und mir beim Husten einen Wirbel verschoben. Übers Wochenende war es mit dem Rücken nicht besser geworden, immer noch keine Schmerze, aber sehr gehindert beim Gehen. Er sagte sofort, ich hätte eine Blockade, hat ein paar Manipulationen gemacht, einen Schmerzmittelpflaster am Rücken geklebt, und ich konnte danach tatsächlich besser gehen, wenn auch nicht wie vor dem Wochenende. Ich fragte ihn, ob ich noch weiter Sport machen dürfte, und er sagte, „Auf jeden Fall“. Ich habe dann für einen Lauf in meiner Stadt drei Wochen später trainiert, ab und zu noch Störungen im Rücken gespürt. Am Tag des Laufes habe ich mich nicht überanstrengt, es ging mir darum, überhaupt dabei zu sein, und ich habe mich mit einer anderen Spaßläuferin unterhalten. Nach dem Lauf wollte ich Freunde im Publikum wieder treffen und habe mich unter eine Barriere gebückt, als ich plötzlich einen stichartigen starken Schmerz am unteren Rücken spürte. Das war’s dann, ich wollte noch mit ihnen abends grillen, bin aber direkt mit dem Bus nach Hause gefahren.

Zurück zum Arzt, seit dem Lauf hatte ich jetzt ein bisschen Schmerze am unteren Rücken, und teilweise im linken Gesäß. Ich konnte nicht mehr im Hohlkreuz stehen, keine Absätze mehr tragen, und musste immer aufpassen, dass mein unterer Rücken ein bisschen rund war, um keine Schmerze zu haben. Der Hausarzt hat aber nichts anderes als beim letzten Mal gemacht, in liegender Stellung die Beine hochgehoben, ohne dabei Schmerze auszulösen, was ein Bandscheibenvorfall ausschloss, und mir homöopathische Kügelchen verschrieben. Wieder ein Moment der Sprachlosigkeit. Die Gedanke im meinem Kopf: „Er nimmt meine Beschwerde überhaupt nicht ernst. Homöopathie!“ Trotzdem habe ich an der Apotheke mein Rezept gezeigt, und habe für etwa 7€ eine Zuckermenge von 10g gekauft, glaube ich – das Hauptbestandteil der Kügelchen. Die eigentliche Moleküle selbst, die wirken soll, war bei der Verdünnung mit einer so geringen Wahrscheinlichkeit enthalten, dass ich sie nicht berücksichtigt habe. Ich bin mir ziemlich dumm vorgekommen, trotz besseren Wissens die Dinger gekauft zu haben. Immerhin dachte ich, ich könnte eine Röntgenpulveraufnahme machen, um sie ihm beim nächsten Mal vor der Nase zu halten, etwa in der Art „Schauen Sie, es ist wirklich nur Zucker drin“, aber ich habe es danach vergessen, die Dose liegt immer noch auf meinem alten Schreibtisch am Institut.

Nach diesem zweiten Arztbesuch ist der Schmerz nie verschwunden. Aber ich hatte noch die Erlaubnis, Sport zu treiben. Der Arzt sagte, Bauchtanz wäre genau das richtige für mich. Traf sich gut, ich hatte einen geplanten Auftritt Mitte Juli, und habe mich dafür vorbereitet. Beim Auftritt musste ich Aspirin schlucken, um gut tanzen zu können, wie ich es seit dem Lauf häufig tat – ich nehme sonst sehr selten Medikamente ein und dachte, so kann es nicht normal sein. Am Tag nach dem Auftritt bin ich zum Zumba-Kurs gegangen. Als ich am Ende des Kurses mich bückte, um meine Schuhen anzuziehen, spürte ich plötzlich einen starken Schmerz, der mir ganz tief die oberen äußere linke Schenkel durchlief – für mich eindeutig Ischias-Schmerze. An dem Tag brich die Hölle los. Dieser Schmerz hat mich ständig begleitet, ob beim Stehen, beim Sitzen, oder im Bett… Aspirin war nicht mehr in der Lage, mich zu betäuben. Ich habe sofort bei meinem Hausarzt eine Überweisung für einen Orthopäden geholt, und habe einen Termin bei einem von einer Kollegin empfohlenen Orthopäden für den kommenden Donnerstag bekommen – also eine Woche Wartezeit. Er war der einzige, bei dem ich in so kurzer Zeit einen Termin bekommen konnte. Meine Kollegen hatten mir zwar versichert, im Notfall könnte man zu jedem Arzt sofort gehen, aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass es von weitem nicht der Fall ist.

Die Praxis des Orthopäden lag weit weg von meiner Wohnung und ich musste mit dem Bus hinfahren. Der Schmerz war so stark, und lief er jetzt bis zur Wade runter, ich weiß nicht mehr, wie ich dahin ankam, ich erinnere mich nur ganz dunkel, dass der Bus überfüllt war. Der Termin war um 19:55 vereinbart. Am Telefon kam mir die Uhrzeit sehr merkwürdig vor, aber die Sekretärin hatte es mir mehrmals bestätigt: „Ja, um fünf vor acht abends“. Da war nichts zu missverstehen. Als ich ankam war die Praxis doch zu. Ich klopfte an die Fenster, eine Putzfrau war da, die die Tür öffnete. Als ich erklärte, dass ich einen Termin hatte, war sie sehr überrascht und meinte, keiner wäre da. Ich hätte heulen können. Das tat ich auch, nachdem ich wieder zu Hause war. Am nächsten Tag rief ich gleich in die Praxis an, um mich zu beschweren, habe aber eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter gehört, die sagte, der Orthopäde befände sich im Urlaub, und die Praxis wäre für einige Wochen geschlossen.

So viel Zeit hatte ich nicht mehr, einen anderen Arzt zu suchen, da ich am Sonntag in den Urlaub zu meinen Eltern für die zwei ersten August Wochen fliegen wollte. Am Tag der Abreise weiß ich noch, wie ich im Flugsteig mich auf zwei Sesseln hin lag, nachdem ich erneut ein Aspirin geschluckt hatte, und komische Blicke von den anderen Reisenden bekommen habe. Aber endlich konnte ich in einer Stunde meine Mutter wieder sehen, die mich am Flughafen abholen würde, und mir beim Arzt in meiner Heimat helfen würde. So endet nach fast zwei Monaten der erste Teil dieser Geschichte, die viel zu lang ist, um sie auf einmal zu schreiben.

Teil 1 – Teil 2Teil 3

Deutsche, Ausländer und die Wirtschaftskrise

Oder wie ich mich einmal so geekelt reden lassen habe, dass mir nichts mehr einfiel. Ich hasse diese Momente der Sprachlosigkeit.

Ich war mit einem gut befreundeten Arbeitskollegen, Sebastian, ein blonder Deutscher, und seiner Frau Amandine, eine Afrikanerin, in der Stadt unterwegs. Es war Frühling, glaube ich, und wir gingen die Straße vom Markt runter. Da kam auf uns ein Paar zu. Der Mann, ein Deutscher, geschätzt über 30, schon mit vielen grauen Haaren in seiner schwarzen Frisur, war ein früherer Kommilitone von Amandine und fing dann an, mit ihr zu reden. Die Frau, auch eine Deutsche und blond, stand neben ihm und sagte nicht viel. Erst wurden Banalitäten über das Leben nach dem Studium ausgetauscht. Der Mann war seit über einem Jahr an seiner Diplomarbeit beschäftigt und teilte seine Tricks mit, wie er es schaffte, trotz seines Alters als Student bei seinem Job keine Steuer bezahlen zu müssen. Amandine erzählte, sie war inzwischen seit Jahren mit Sebastian verheiratet, hatte bei einer Chemie-Firma gearbeitet und war jetzt schwanger. Die Bemerkung ihres Kommilitonen zu seiner Freundin: „Na Schatz, es wird langsam Zeit, dass wir uns auch an die Arbeit machen“, lachte und klatschte mit der Hand gegen ihr Hinten. Gezwungenes Lachen, ich kannte den Mann nicht und fragte mich, ob er sich wirklich immer so wie ein Vollidiot verhalten würde, oder ob es nur zum Spaß gedacht war.

Als ich noch am Grübeln war, glitt die Diskussion über Ausländer. Der Mann vertritt offenbar der Ansicht, dass Ausländer in Deutschland nur der Wirtschaft schaden würden, da diese meistens nur froh wären, ihr Arbeitslosengeld zu beziehen und gemütlich zu Hause auf Kosten des Staates leben zu können. Ich musste gerade an den Bäcker bei mir unten um die Ecke denken, der Türke ist und das ganze Jahr von 06:30 bis 23:00 an der Theke steht, ohne einen Ruhetag in der Woche zu haben. Abgesehen davon, dass ich von pauschalen Behauptungen nichts halte (ja, das ist auch eine pauschale Behauptung), fand ich seine plötzliche Tirade sehr unpassend, da Amandine Afrikanerin ist. Sie ließ sich nicht irritieren und sagte nur lachend, er würde übertreiben. Was konnte ich noch dazu sagen? Mir hat es die Sprache verschlagen. Stellt euch mal vor, ein Deutscher, der mit über 30 immer noch Student ist, seine Diplomarbeit nach so langer Zeit noch nicht fertig geschafft hat und stolz drauf ist, ein Steuerhinterzieher zu sein, versucht uns ernsthaft einzureden, dass was dem Staat richtig Geld kostet die faulen Ausländer seien. Dabei stand seine Freundin neben ihm und lachte ab und zu, allerdings nicht sehr überzeugend. Ich wollte sie an die Schulter packen, sie schütteln und ihr sagen, „Was treibst du mit dem Mann überhaupt? Wach auf! Klar, viele Frauen wollen nicht alleine leben, aber es ist noch lange kein Grund, sich einem solchen Drecktyp vor die Füße zu werfen!“ Ich habe sie genauer betrachtet und dann gemerkt, „Na ja, so hübsch ist sie auch nicht, vielleicht glaubt sie, keinen abkriegen zu können… Aber trotzdem, allein zu sein ist immer noch besser, als schlecht begleitet zu sein…“ Sie hat meinen Blick gemerkt und ihrem Freund dann halb verschämt gesagt, er solle damit aufhören. Nach einem „Ist doch wahr“ sind die beiden nach Hause gegangen.

Die Kraft der Seele

Ich bin manchmal verblüfft, was man beim bloßen Denken erreichen kann. Hier folgen einige Beispiele, die ich meistens selber ausprobiert habe.

Der Wecker-Ersatz
Irgendwo auf einem Internet-Forum gelesen: Man liegt abends im Bett und entspannt sich, um einzuschlafen. Als der Moment kommt, wo man noch halbwegs bewusst bleibt, irre Bilder aber vor den Augen erscheinen, klopft man sich selber an die Schulter und ruft leise: „[Euer Vorname], wach auf!“ Dann entspannt man sich wieder und schläft ein. Ich habe an einem Wochenende versucht, mich zum Erwachen zu programmieren. Samstag abends ins Bett, dann beim Einschlafen habe ich mich an die Schulter berührt und gesagt, „Shaarazad[1], wach auf, es ist 06:00“. Ich hatte damals noch keine Katze und konnte sonntags vormittags üblicherweise sehr gut lange schlafen. Und zu meiner starken Überraschung, bin ich mitten in der Nacht aufgewacht, mit den Worten von vor dem Einschlafen in den Ohren. Gleich das Licht angemacht und den Wecker geschaut: Genau 06:00. Ich war so erstaunt, dass ich nicht mehr schlafen konnte und aufgestanden bin.

[1] Nicht mein echter Name, aber das hattet ihr schon vermutet.

Luzide Träume
Ziel des Ganzes ist es, die Kontrolle über seine eigene Träume zu erlangen. Dafür sollte man beim Träumen erkennen, dass man schläft. Es kann schon lange dauern. Zuerst habe ich ein Traumtagesbuch geführt, wo ich jeden Morgen beim Aufwachen alles geschrieben habe, was ich geträumt habe. Als ich es geschafft habe, mich täglich an meinen Träumen zu erinnern, habe ich mit den Realitätstests angefangen. Was ist das? Tagsüber gewöhnt man sich daran, irgend eine Tätigkeit zu machen, die beim Träumen nicht ganz glatt läuft. Zum Beispiel sind die Gegenstände im Traum nur ungenau dargestellt, es reicht zum schnellen hingucken, aber bei einer genauen Betrachtung fällt die Illusion auf. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, mehrmals am Tag meine Hände zu beobachten. Eine Nacht war ich so weit, dass ich im Traum meine Hände auch beobachtet habe. Sie sahen sehr komisch aus, die Größe irgendwie anders, die Anzahl der Finger konnte ich nicht richtig prüfen und die Textur der Haut war viel zu glatt. Ich habe dann erkannt, dass ich am Schlafen war. Leider war diese Erfahrung für mich erschreckend, und ich bin davon aufgewacht. Die Übung habe ich nicht mehr gemacht, eigentlich schade.

Besoffen geredet
Das war vielleicht eine der bizarrsten nicht erwarteten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Ich war eines Abends bei einem Freund eingeladen. Es waren mehrere Leute da, einige kannte ich, andere nicht. Ich habe mir ein Bier besorgt und habe den ganzen Abend gebraucht, um es leer zu trinken. Eine andere Frau war da, mit der ich mich unterhalten habe. Sie hatte deutlich viel mehr Alkohol getrunken und die ganze Zeit wiederholte sie, „Oh Mann, ich bin so betrunken!“ Ich bin gegen 23:00 nach Hause gegangen und habe mich sofort ins Bett gelegt. Am nächsten Morgen habe ich mich schwindelig gefühlt, mit dem komischen Kater-Geschmack im Mund, und dachte, „Mensch, was habe ich gestern Abend alles getrunken.“ Ich musste aber aufstehen, weil ich zur Arbeit musste. Im Badezimmer fiel mir plötzlich ein, dass ich nur ein Bier getrunken hatte, was ich sonst ohne Problem vertrage. Auf ein Mal verschwand der „Kater“ und mir wurde klar, dass die Frau am Abend mich beim ständigen Beschweren einfach besoffen geredet hatte.

Hypnose als Narkose-Ersatz
Angeblich sollte man bei einer Operation keine Betäubungsmittel brauchen, weil man unter Hypnose keine Schmerze spüren sollte. Da bin ich aber viel zu feige und werde es nie versuchen. Zuerst hoffe ich sehr, dass ich nie operiert werden muss. Und wenn, dann will ich eine volle Narkose. Ich will gar nicht mitbekommen, was alles um mich herum passiert. Bei meiner Weisheitszahnentfernung war es schlimm genug. Am Ende des Eingriffes hatte die Helferin dem Chirurg zu meinen Händen genickt, wo meine verkrampften Finger deutliche Spuren von den Nageln hinter gelassen hatten. Und das, obwohl ich mit lokaler Betäubung nichts gespürt hatte.