Blutsäuger

So breit wie drei Finger.

Wenn ich nur ein Bild auswählen sollte, um das Wochenende zusammen zu fassen, dann wohl dieses. Zu sehen ist mein rechter Oberschenkel in Nahaufnahme, am Samstag früh mühsam mit der Kamera selbst fotografiert. Der Mückenstich ist nicht zu übersehen. Er hat mich wahnsinnig gemacht. Zum Vergleich liegt mein linker Zeigefinger am Rande vom Stich. Das sieht man mit der Beleuchtung schlecht, aber um die rote Ausbreitung vom Stich war noch ein weißer Rand.

Das ist nicht das erste Mal, dass ich eine allergische Reaktion auf einen Mückenstich bekomme. Vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, dass nur dieser Stich sich ausgebreitet hat. Wir sind mit dem Ehemann am Donnerstag nach Feierabend Tischtennis draußen spielen gegangen, und danach haben wir an der Terrasse von einem Restaurant unweit von der Wohnung gegessen. Das Wetter war ausnahmsweise schön. Ich saß direkt neben einer Hecke. Den Platz hatte ich mir ausgesucht, weil mitten auf der Terrasse ein älterer Herr am Qualmen war. Ich wollte möglichst weit weg von ihm sitzen. Woran ich nicht gedacht hatte, nach so vielen Monaten ohne Restaurantbesuch: Diese Hecke wimmelt im Sommer nur von Mücken. Die Folge: Vierzehn Stiche an diesem einen Abend, vorwiegend rechts. Ein an der Stirn, zwei am Kinn, ein am Hals, ein im Nacken, zwei am Arm, ein an der linken Hand, der Rest auf den Beinen. Der Ehemann ist unangestochen geblieben. Das ist so unfair.

Ich hatte früher ein tolles Gerät gegen Mückenstiche, bite away[1], das mit Batterien betrieben war und Hitze auf einer Keramikplatte erzeugte, die man direkt auf dem Stich drücken musste. Damit hörte die Juckerei für einigen Stunden auf. Die Batterien haben lange gehalten, aber irgendwann mussten sie gewechselt werden. Ich glaube, vor zwei Jahren. Ich hatte die neuen Batterien falsch rum reingesteckt, weil die Beschriftung +/- fehlte, das Gerät hatte das nicht überlebt. Leider scheint es Globetrotter[1] aus dem Sortiment genommen zu haben. Ich habe deswegen den Ehemann am Freitag darum gebeten, mir auf dem Weg von der Arbeit diese Alternative[1] zu besorgen. Die Funktionsweise soll ähnlich sein, außer, dass das Gerät ein Piezoelement enthält, wie in Feuerzeugen, um die Hitze zu erzeugen. Keine Batterie, das ist vielleicht umweltfreundlicher. Man muss auf den Auflöser drücken, um einen Funken zu erzeugen. Der Funken erhitzt das Ende vom Gerät, das man gegen den Stich hält. Weil der Funken sehr kurzer Dauer ist, muss man mehrmals hintereinander klicken. Das funktioniert, man spürt eine Wärme, allerdings von weitem nicht so hoch wie bei meinem früheren Gerät. Das Jucken hört mit Verzögerung auf und wird nach der Anwendung sogar erstmal verstärkt. Mir ist außerdem ein leichter gebrannter Geruch aufgefallen, und nach einiger Zeit habe ich kleine braune Punkte auf der Haut um die Stiche bekommen. Den Effekt hatte ich mit dem bite away nicht. Ich sehe erst jetzt, Rossmann[1] bietet es an. Menno. Hätte ich es am Freitag gewusst.

Heute gibt der Stich endlich Ruhe. Es hatten sich kleine Blasen gebildet, die sind geplatzt. Dafür habe ich am Samstag einen neuen Stich auf dem Knie bekommen, besser gesagt einen Biss, als wir bei Freunden zu Besuch waren und spazieren gegangen sind. Keine Mücke, schon wieder eine Bremse. Gestern hat es fürchterlich gejuckt. Die Bissstelle ist über Nacht geplatz und ich habe ein Pflaster drauf tun müssen. Es pocht jetzt.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Migräne-Träume

Mich hat heute nachmittags eine üble Migräne erwischt. Ich habe alle Rolladen runter gebracht, mich nach einem frühen Feierabend auf die Couch hingelegt und geschlafen. Ich hatte heute Nacht zu lange an diesem Artikel gesessen. Diese Träume waren die Folge vom Nachmittagsschlaf.

Es fing mit meinem Vater an. Wir waren nachts in einer kleiner, ruhigen Straße in einer unbekannten Stadt unterwegs. Wir liefen die Straße hoch auf dem Bürgersteig. Er sagte mir, er wäre so froh, wieder in Kontakt mit mir zu sein. Er wollte mich umarmen, was mir sehr befremdlich vor kam. So hatte er sich nie mit mir verhalten. Ich sagte ihm, er sollte mich los lassen. Als er das nicht tat, versuchte ich zu schreien, aber kein Laut kam aus meiner Kehle. Ich konnte mich irgendwie befreien, ließ ihn enttäuscht stehen und ergriff die Flucht.

Mein Vater versucht tatsächlich, wieder mit mir in Kontakt zu treten, seitdem mein Bruder verstorben ist. Jahre lang war ihm das Geld zu schade, mich auf dem Handy anzurufen, was mir recht war. Als ich ihm als Doktorandin meine Festnetznummer gegeben hatte, weil ich damals kein Handy hatte, hatte er sogar Sonntags um halb sieben morgens angerufen. Ich hatte mir deswegen angewöhnt, nachtsüber den Stecker auszuziehen. Mein Bruder hatte geklagt, dass mein Vater ihn ständig angerufen hatte, jedes Mal, wenn er sich mit seiner Freundin gestritten hatte. Den Mist will ich jetzt nicht ausbaden. Zurück zum Traum. Ich war vor vielen Jahren mal mit ihm und seiner aktuellen Freundin an der Strandpromenade in Fréjus unterwegs, wo sie zusammen leben, als ich noch dachte, ich hätte eine morale Pflicht, ihn zu besuchen. Hah. Das war ihm sowas von egal. Der war schon ein paar mal mit ihr in den Urlaub verreist, obwohl ich angekündigt hatte, genau dann in die Gegend zu kommen. Jedenfalls. An dem Tag meinte seine Freundin, er sollte Arm in Arm mit mir laufen, das fände sie schön, wir hätten sicherlich viel zu diskutieren. Das fand ich eine bescheuerte Idee, aber weil seine neue Freundin es verlangte, wollte er das auch tun, um sich vor ihr gut darzustellen. Das war richtig befremdlich. Mit mir hat sich mein Vater nie lieb verhalten, ich hatte als Kind eher Ohrfeigen von ihm bekommen, wann immer er drauf war, und er war häufig drauf. Richtige Diskussionen gab es nie. Was ich tue hatte ihn nie interessiert, oder nur, wenn er sich vor seinen Kumpels wichtig tun wollte, weil ich studiert hatte.

Nächster Traum.

Ich war in meiner aktuellen Wohnung. Es war dunkel, alle Rolladen waren runter. Im kleinen Flurbereich zwischen Küche und Treppenhaus zur Etage hatte ich einen Korb mit Austern am Boden gelassen. Eine Auster sprang plötzlich aus dem Korb und lief herum, ohne ihre Schale. Um sie wieder zu fangen, habe ich den Spülbecken in der Küche verstopft und das Wasser laufen lassen. Das Wasser ist gut zwanzig Zentimeter in die Wohnung hoch gekommen. Ich habe die kleine Auster wieder gefunden, mitten in der Küche. Sie hatte auf dem Rücken eine Art Umhang, braun rötlich, womit sie super schnell im Wasser schwimmen konnte. Sie beschloss, mich anzugreifen.

Ich flüchtete ins Treppenhaus. Oben waren meine beiden Geschwister. Ich bat meinen Bruder um Hilfe. Als er zur Küche runter kam, war er entsetzt, dass alles unter Wasser stand. Er fing an, das ganze Wasser zu entfernen. In der Zeit blieb ich oben mit meiner Schwester. Sie war gekommen, weil ich an dem Tag viele Termine hatte, in der Mittagspause zum Arzt musste und um drei eine Telekonferenz mit einem Kunden hatte. Ich konnte unmöglich alles schaffen, und sie hatte sich angeboten, mich mit dem Auto zum Arzt zu bringen.

Als ich wieder in die Küche kam, war das Wasser weg. Mein Bruder wischte den Parkettboden vor dem Badezimmer. Ich habe gedacht, toll, jetzt werde ich die Auster nicht wieder finden. Ich habe überall auf dem Boden gesucht, aber es war zu dunkel. Ich habe die Rolladen hoch gezogen und bin zum Badezimmer gegangen, wo mein Bruder im Bad lag. Ich habe mich für das Bodenwischen bedankt und mich weiter auf die Suche nach der Auster gemacht.

Ich fand sie unter dem Herd. Die Auster war es nicht. Es war Chipie, und sie war richtig sauer. Sie stürzte sich mit ihren Krallen auf mich und wollte meine Beine durchbeißen. Ich versuchte sie zu beruhigen, und da fiel mir auf, dass sie einen riesigen Schnitt in der rechten Schulter hatte. Es war, als ob jemand sie mit einem Messer aufgeschnitten hätte. Es gab klein Blut auf dem Fell, aber die Wunde klaffte und man konnte drin Knochen und Fleisch sehen. Kein Wunder, dass sie sich so wütend verhielt. Meine Schwester kam die Treppe runter. Ich sagte ihr, wir hätten einen medizinischen Notfall, Chipie müsste sofort zum Tierarzt, und es wäre egal, wenn ich nicht zum Arzt gehen würde. Meine Schwester meinte, unsere Mutter müsste zuerst zurück nach Hause kommen, bevor wir weg fahren können. Wann würde sie zurück kommen, fragte ich. Um zwölf. Wir hätten gerade halb zwölf. Eine halbe Stunde erschien mir viel zu lang.

Ich bin aufgewacht, kurz bevor der Ehemann nach Hause gekommen ist. Zwanzig Uhr. Der zweite Traum hat mich richtig gestört, sind doch sowohl mein Bruder als auch meine Katze gestorben. Wenigstens ist die Migräne weg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

#IchWarHanna

Ich habe erst jetzt[1] von der Kampagne durch den Tagesspiegel[2] (heutiger Artikel „Alle sind ausgebrannt“, Seite 20) erfahren. Dass der Aufschrei vierzehn Jahre nach Erlassung vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz statt findet, ist vielleicht kein Zufall. Jetzt dürfte die Mehrheit der Nachwuchswissenschaftler vor der bitteren Realität gestellt worden sein. Zweiundneunzig Prozent aller Wissenschaftler an deutschen Unis sitzen auf befristeten Stellen, laut dem Artikel im Tagesspiegel. Die Zahl ist wie ein Schlag ins Gesicht. Und nach zwölf Jahren, eventuell ein bisschen mehr, nach all den Forschungen, Lehrveranstaltungen und Drittmittelanträgen ist Schluss mit Wissenschaft im öffentlichen Dienst, deutschlandweit. Raus. Wie ein Arschtritt.

Ich erinnere mich vage an die Geburt vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Damals war ich Postdoc, in dem Institut, in dem ich promoviert wurde. Mein Doktorvater hatte mich über das neue Gesetz informiert, da ich ohne Fernseher und Radio lebte. Kurze Zeit später wurde es für nichtig erklärt, weil es ein Bundesgesetz war, und Hochschulgesetzgebung Sache der Länder ist[3]. Das Gesetz wurde zurückgezogen, um prompt in allen Ländern doch beschloßen zu werden. So habe ich es in Erinnerung, und es wundert mich, dass es im Wikipedia-Artikel nicht erwähnt wird. Oder war mein Deutsch damals noch so mangelhaft, und ich habe etwas falsch verstanden?

In dem Institut habe ich ziemlich genau zwölf Jahre gearbeitet. Meine Doktorarbeit hatte keine vier Jahre gedauert. Die Differenz zu den sechs Jahren vor der Erlangung vom Doktortitel wurde zu den sechs Jahren danach aufsummiert. Dass ich während der Doktorarbeit nur eine halbe Stelle aus Drittmitteln hatte, spielte für die gesamte Dauer der Befristung keine Rolle. Eine Entfristung war nicht in Sicht. Ein älterer Wissenschaftler am Institut wurde schon nach dem Gesetz entfristet, da er einen dieser befristeten Verträgen hatte, die immer wieder bis zur Rente verlängert wurden. Mehr Dauerstellen gab es nicht. Als besagter Wissenschaftler verstarb, wurde seine Stelle anderweitig vergeben.

Ich war damals froh, überhaupt einen Arbeitsvertrag für eine Doktorarbeit gefunden zu haben – egal wohin, egal welches Thema, Hauptsache Materialwissenschaften. In Frankreich gab es zu meiner Zeit so gut wie keine Arbeitsverträge für Doktoranden. Die zwei oder drei besten Diplomanden[4] eines Jahrgangs erhielten ein spärliches Stipendium, einige machten ihre Doktorarbeit mit der Industrie, was Veröffentlichungen nicht einfach macht, der Rest durfte sich seine Forschungsaktivität durch Jobs außerhalb der Uni finanzieren (oder nicht promovieren). Im Vergleich hatte ich mit meiner halben BAT IIa Stelle richtig Kohle (jedenfalls vor dem Euro, als man Wohnungen für 450 DM warm finden konnte), und ich hatte den Luxus, dass die Finanzierung ausschliesslich für meine Forschungsarbeit gedacht war. Ich hatte weitaus mehr als die halbe Stelle gearbeitet, weitaus mehr als eine volle Stelle. Ich hatte Wochenenden am Institut verbracht. Es gab Nächte, wo ich auf einem Klappbett im Geräteraum geschlafen hatte, um an einer der heiß begehrten Maschinen jede Stunde die Temperatur zu ändern, um einen weiteren Messpunkt zu bekommen. Ich war aus meiner Provence ins kalte Deutschland für die Doktorarbeit weg gezogen, und ohne sie fertig zu bekommen wollte ich nicht zurück. Urlaub? Fehlanzeige, außer zur Familie um Weihnachten und Neujahr. Nicht mal für eine Beziehung hätte ich Zeit gehabt, hätte ich gewollt, von diesem Fehler mal abgesehen.

Nach der Promotion wurde ich arbeitslos. Ratschläge, wie und wo ich mich bewerben könnte, gab es in den Jahren keine, außer, halt sich bewerben. Mein Doktorvater meinte, mit meinen breiten Sprachkenntnissen könnte ich bei der EU arbeiten. Oder wie wär’s beim Patentamt? Im Ernst. Die Doktorarbeit hatte ich sehr gut abgeschlossen, und das Einzige, was ihm für mich einfiel, war langweilige Verwaltungsarbeit? Danke für die Unterstürzung. Nicht. Die wenigen Bewerbungen, die ich während der Vorbereitung für die Prüfung schreiben konnte, blieben meist unbeantwortet.

Die Frau beim Ausländeramt nahm mir meine noch gültige Aufenthaltsgenehmigung weg und schrie mich an, ich sollte zurück kehren, wo ich her komme. Damals wurde man noch nicht nach dem Studium für Arbeitssuche geduldet, selbst wenn man aus einem EU-Land kam. Ich gab Nachhilfeunterricht in einer Privatschule, ein paar Stunden die Woche. Einen sechsmonatigen Vertrag in einem Forschungszentrum[5] in Frankreich konnte ich dann ergattern – Umzug auf eigenen Kosten, natürlich. Danach folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit. Ich bin wieder umgezogen, zum leeren Haus meiner Eltern, das zum Verkauf stand, weil ich pleite war. Mir wurde beim Unterschreiben meines Arbeitsvertrages für die Doktorarbeit nicht gesagt, dass ich keine Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen würde, und daher nach dem Vertrag keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben würde. Vermutlich weil ich in der ganzen Zeit als Studentin eingeschrieben war. Ich habe im Sommer im Schwimmbad gejobbt. Ich habe dank Nachhilfeunterricht für die Kinder im Dorf fast das ganze Schuljahr lang die Raten meines Studentenkredits aus der Diplom-Zeit weiter bezahlen können. Ich habe mich viel beworben. Meine Eltern hatten kein Internet und ich musste täglich zum Internetcafé im Dorf gehen.

Am Ende bin ich zurück zu meinem Promotionsinstitut als Postdoc gekommen. Eine befristete Stelle war frei geworden. Umzug auf eigenen Kosten, natürlich. Mit der Kaution für die Wohnung waren alle Ersparnisse weg. Den ersten Monat habe ich verhungert. Ein Kollege hatte mir Geld geliehen und ich konnte mir ein Brötchen am Tag leisten, für die gemeinsame Mittagspause. Der Rest ging für die Mieze[6], die ich nicht verhungern lassen konnte. Zuerst war mein Vertrag für zwei Jahre befristet. Er wurde immer wieder verlängert, bis ich die zwölf Jahre erreicht habe. Hätte ich mich nicht vorher weg bewerben können? Klar doch. Damit hatte ich lange im Voraus angefangen, und nicht nur in Deutschland[7]. Entweder war mein Gebiet nicht interessant genug, oder mein Nachname klang zu ausländisch, ich weiß nicht, trotz einer Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, am Ende der zwölf Jahren war ich bei der Arbeitsagentur angemeldet. Und immer noch Single. Immerhin war der Studentenkredit abgezahlt.

Schon vor Eintreten der Arbeitslosigkeit ging es mir nicht gut. Zwei Monaten vorher kamen die Schlafstörungen. Ich wachte morgens sehr früh auf und war sofort mit Gedanken an Arbeitssuche beschäftigt. Abends konnte ich wiederum nicht einschlafen. Der Zustand hatte mehrere Monaten gedauert und mir einige Vorstellungsgespräche versäumt. Zusätzlich habe ich Psoriasis auf der Kopfhaut entwickelt, was ich vorher nicht kannte. Sport blieb während der Arbeitslosigkeit aus. Es wäre Zeit gewesen, die ich nicht in Arbeitssuche investiert hätte. Ich habe diesen Blog angefangen.

Nach hundert neunundvierzig Bewerbungen, sechzehn Vorstellungsgesprächen, viel mehr Absagen und den häufigen Vorwürfen, zu lange an der Uni gearbeitet zu haben, habe ich eine Stelle in Berlin bekommen, und konnte die Beantragung von Hartz IV und die Weiterbildung für Qualitätsmanagement vermeiden, die mir die Arbeitsagentur vorgeschlagen hatte. Umzug auf eigenen Kosten, natürlich. Es war eine befristete Stelle im öffentlichen Dienst. Warum es trotz meiner vorherigen zwölf Jahren an der Uni klappen konnte, habe ich immer noch nicht ganz verstanden. Weil ich die Forschungsrichtung gewechselt hatte? Ich habe mich nicht beschwert. Die Psoriasis ist eine Zeit lang verschwunden.

In Berlin habe ich viereinhalb Jahre gearbeitet. In dieser Zeit hatte ich drei Arbeitsverträge, für drei verschiedenen Stellen, obwohl ich in der gleichen Gruppe gearbeitet habe. Mein Chef war sehr kreativ, was die Anschaffung von befristeten Verträgen anging. Wenigstens hat meine Zeit dort etwas gebracht, weil, obwohl ich immer noch die gleiche Methode benutzte, mein Forschungsfeld ein ganz anderes geworden ist, und es mangelt da nicht an Stellen. In meinem letzten Vertragsjahr habe ich drei Bewerbungen geschickt, die Zweite war die Richtige. Ich habe endlich eine Dauerstelle, diesmal in der Industrie (wieder Umzug auf eigenen Kosten, und die Münchner Umgebung ist teuer). Und nicht zuletzt einen Ehemann, aus Berlin mitgenommen. Kinder sind aus geblieben, keine Schwangerschaft hat gehalten. Ich war inzwischen zu alt geworden.

Die Reaktionen der CDU und der AFD auf #IchBinHanna sind völlig deplaziert und zeugen nur von Realitätsverweigerung. Denen ist es lieber, weiterhin mit billigen Arbeitskräften Forschung voran zu treiben und im Überfluss Doktortitelträger zu produzieren, die dann schauen können, wo sie später eine Stelle finden. Gleichzeitig wird beklagt, dass Fachkräfte fehlen. Finde den Fehler. Überhaupt, bei allem, was ich in letzter Zeit an schlechten Nachrichten lese, scheinen beide Parteien auf einer Wellenlänge zu sein (letztes Beispiel hier). Das ist erschreckend und verheißt nichts Gutes.

[1] Vermutlich weil ich keine Akademikerin mehr bin, und da der Austausch mit den Kollegen immer noch über Telekonferenzen statt findet, wird nicht mehr über etwas anderes als die Arbeit geplaudert. Dass ich kaum in sozialen Medien unterwegs bin, außer mit diesem Tagebuch-Blog, hilft auch nicht.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

[3] Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, wie wichtig die Länder in Deutschland sind, im Gegenteil zu Frankreich, wo die Regionen lediglich Mitteln für öffentlichen Strukturen wie Schulen und ÖPNV verwalten, aber keine eigene Gesetze schreiben. Ich hatte mich gefragt, wozu es in Deutschland einen Bund gibt, wenn jedes Land macht was es will. Da braucht man sich nicht über das Corona-Maßnahmen-Chaos zu wundern.

[4] Wenn man in Frankreich ein Diplom (DEA) gemacht hat, hat man sich von vorne rein für eine Doktorarbeit entschieden, und man hat in der Industrie sehr wenige Chancen. Sonst hätte man sich fürs DESS einschreiben sollen (oder von vorne rein nicht an der Uni sondern an einer Hochschule studieren sollen). Wenn nur drei von fünfundzwanzig Studenten eine Finanzierung bekommen, was macht der Rest? Ich hatte mir ernsthaft überlegt, ein DESS dran zu hängen. Was bedeutet hätte, dass mein DEA für die Katz gewesen wäre. Dafür hatte ich schon einen Kredit bei meiner Bank aufgenommen.

[5] Restzeit eines Forschungsprojektes, bei dem der Wissenschaftler eine andere Stelle gefunden hatte. Ich war Gerätewissenschaftlerin an einer Großforschungseinrichtung, gerade als diese wegen Wartung nicht in Betrieb war. Blöd, ja? Ich hatte meine letzten Papers fertig geschrieben.

[6] Meine Mama meinte, es wäre traurig, alleine zurück nach Deutschland zu ziehen, und hatte mir vor der Abreise als Überraschung ein Kätzchen gebracht. Gut, dass die Kleine in dem Alter noch nicht wählerisch war, was das Essen angeht. Das hat sich mit der Zeit geändert. Trotz anfänglicher Einschränkungen bereue ich keine Sekunde, die Mieze bei mir gehabt zu haben. Sie hat mir so viel Trost gespendet, als es mir nicht gut ging.

[7] Nur um München hatte ich einen Bogen gemacht. Zu teuer, um dort mit meiner damaligen Entgeltgruppe weiterhin gut zu leben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Bonbons-Collage

Im Herbst hat der Ehemann eine unserer Brotdosen mitgehen lassen. Nachdem ich ein paar Tage danach gesucht hatte, habe ich ihn gefragt, ob er wüsste, was mit der Dose geschehen war. Wusste er. Sie war zum Handschuhfach ins Auto ausgewandert. Drin hatte er seine Bonbons-Reserve für die langen Fahrten nach Berlin, die er seitdem immer wieder nachgefüllt hat.

Gestern ist der Ehemann mit der Dose aus dem Auto in die Wohnung gekommen. Wir haben Sommer. Die Gummibärchen, Gummifrüchte und Fledermäuse sind geschmolzen und haben die Form der Brotdose genommen. Ich glaube, oben links erkennt man die Unterseite der Fröschen. Die Lakritze sitzen in der Masse fest.

Das Ding könnte man einrahmen und als Kunst aufhängen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Pieks die Zweite

Wir haben gestern die zweite Impfung in unserer Arztpraxis bekommen.

Der Ehemann hatte dafür Home Office beantragt. Seitdem Arbeitgeber offiziell nicht mehr verpflichtet sind, Home Office zu ermöglichen[1,2], muss er wieder täglich ins Büro, obwohl seine Tätigkeit es nicht täglich erforderlich macht. In seinem Fall finde ich es trotzdem sinnvoll, wenn er nicht zu Hause arbeitet. Er wird schnell abgelenkt und leistet viel weniger Arbeitsstunden als ich – die acht Stunden am Tag sind meistens bei ihm nicht drin, zu Hause. Dabei kriegt er häufig Lob vom Chef zu hören und sein Gehalt hat sich erhöht. Ich fühle mich verarscht, wenn ich sehe, wie viel ich arbeite und wie wenig Anerkennung ankommt – mein Gehalt ist seit meiner Einstellung gleich geblieben. Das heißt, je mehr die Inflation steigt, desto weniger verdiene ich. Das war im öffentlichen Dienst nicht so, damals hatte ich regelmäßig Gehaltserhöhungen, jedes Jahr oder jedes zweite Jahr, ich weiß nicht mehr. Wenigstens darf ich erstmal im Home Office bleiben. Anders wäre es auch nicht möglich. Die Firma ist gewachsen, wir haben viele neue Mitarbeiter, und es war schon eng in den Büros, bevor die Pandemie angefangen hat. Wenn wir uns nicht gegenseitig auf dem Schoß sitzen wollen, müssen die Schreibtischkollegen weiterhin zu Hause arbeiten.

Diesmal mit Sonnenblumen.

Ich schweife vom ursprünglichen Thema ab. Gestern also die zweite Impfung, genau in der Mittagspause. Nachdem wir beim ersten Mal mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft wurden, haben wir den Biontech-Impfstoff bekommen. Die sogenannte Kreuzimpfung[1], die sogar besser als eine doppelte Impfung mit Biontech sein soll, laut noch nicht veröffentlichten und daher mit Pinzetten zu nehmen Daten, sagt der verlinkte Artikel. Ich hatte mir Sorgen wegen den Nebenwirkungen gemacht. Es hieß ja, die erste Impfung mit AstraZeneca hat die stärksten Nebenwirkungen, bei Biontech ist es die zweite Impfung. Yeah, wir dürfen zweimal nach der Impfung flach liegen, habe ich gedacht. Dabei war ich gestern schon mit Kopfschmerzen und Müdigkeit aufgestanden, ich hatte gefürchtet, im Laufe des Tages richtig üble Migräne zu bekommen. Nein. Ich war erstaunt, dass meine Kopfschmerze sogar nach der Impfung schwächer wurden und ich mich geringfügig fitter gefühlt habe. Die Müdigkeit ist geblieben, aber die hatte ich schon vorhin und es war ein sehr warmer Tag, auch im Wartezimmer der Arztpraxis, wo ich fast eingeschlafen wäre.

Im Wartezimmer vor der Impfung saßen eine Frau und ein älterer Herr. Der Ehemann musste deswegen draußen im Treppenhaus warten. Die Frau meinte, mit uns über Impfung und wie schwer es für die Kinder ist diskutieren zu müssen. Dabei fiel mir schnell auf, diskutieren wollte sie nicht, ihr ging’s darum, uns ihre Meinung aufzuzwingend, ohne sich dafür zu interessieren, was wir dachten, und ich habe mich nach zwei Wörtern nicht mehr beteiligt. Ich war zu müde dafür. Der ältere Herr war beim Reden so laut dass ich es kaum ertragen konnte. Er meinte, er würde sich nur impfen lassen, damit er nicht jedes Mal einen negativen Test vorweisen muss. Ich denke, so einfach wird es nicht lange bleiben, nach der Impfung, da wir jetzt wissen, dass selbst Geimpfte sich mit der Delta-Variante infizieren[3] und so zur Verbreitung vom Virus beitragen können.

Mittagspause.

Nach der Impfung sind wir essen gegangen. Die Terrasse vom mexikanischen Restaurant hatte viele freie Tische im Schatten. Ich habe mir einen süßen alkoholfreien Cocktail bestellt – wie immer wenn ich Kopfschmerze habe, hatte ich Lust auf Zucker. Der Salat mit Tintenfischringen war genau richtig, vor allem, weil die Ringe nicht paniert und frittiert wurden, wie so häufig der Fall ist, sondern nur in der Pfanne angebraten waren. Wir waren noch auf dem Markt einkaufen, bevor wir zurück nach Hause gelaufen sind, und ich konnte zwei Stunden gut arbeiten, während der Ehemann Feierabend erklärt hatte.

Heute geht’s mir blendend. Der Ehemann ist mit Kopfschmerzen und Gliederschmerzen aufgewacht, er hat sich krank gemeldet und bleibt erstmal im Bett.

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

[2] Ein weiterer Grund, warum mir ein Regierungswechsel ohne CDU (und bitte auch ohne AFD) wünschenswert erscheint.

[3] Ein Überblick über den Schutz der verschiedenen Impfstoffen gegen die Delta-Variante[1].

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Das braucht doch kein Mensch

Montagabend. Feierabend auf dem Balkon. Es ist warm und ausnahmsweise regnet es nicht. Trotzdem packen wir die Klappstühle und Tisch nicht aus. Mir ist danach, einfach am warmen Boden zu sitzen und zu entspannen.

Um uns herum landen Ameisenprinzessinen. An dem Tag war wohl Hochzeitsflug. Einige haben schon keine Flügel mehr. Ich sammle sie auf abgefallene Blätter der Gardenien und werfe sie zum Dach unter dem Balkon. Bei ihren Chitinpanzern macht es ihnen nichts aus, und wir haben genug Ameisen in den Blumenkasten.

Soll edel wirken.

Wir nippen an unseren Bierflaschen und ich spiele geistesabwesend mit der Alufolie, die ich vom Hals der Flasche entfernt habe. Das ist etwas, das ich schwer unterbinden kann. Das ist fast so befriedigend wie das Entfernen der Schutzfolie bei einem neuen Nutella-Glas[1,2].

Diese Biermarke kenne ich seit vielen Jahren. Heute wird mir zum ersten Mal richtig bewusst, was für ein Unsinn es ist, eine Bierflasche mit Alufolie zu schmücken. Andere Biermarken kommen ohne gut klar. Der Beitrag von Carrie ist noch ganz frisch in meinem Kopf, und die darin verlinkte Anstaltsendung[1]. Wo man unter anderen erfährt, wie ganze Dörfer zwangsumgesiedelt werden, um Platz für Bauxitlagerstätten zu machen, aus denen Aluminium gewonnen wird – von den Konsequenzen für die Umwelt dort ganz zu schweigen, wie in diesem Bericht ab Seite 14 zu lesen ist.

Ich frage den Ehemann, der uns gerne Bier nach Hause bringt, diese Marke nicht mehr zu kaufen. Vor allem, da wir schon so viele gute Biere vor der Haustür haben, in Bayern. Ich wache ein bisschen spät auf, merke ich jetzt beim Suchen. Zwischen einigen Artikeln zum Thema findet man auch diese Petition, die seit einem Jahr nicht mal über dreitausend Unterschriften gekommen ist. Wenn die CDU es halbwegs ernst meint, mit dem neuen Klimaschutzhype der durch die Politik weht, seitdem die Grünen an Popularität gewonnen haben, könnte sie da ein Zeichen setzen[3]. Schließlich sitzt noch ein CDU Politiker als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Brauerei.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] Das habe ich ewig nicht mehr gemacht, ein Nutella-Glas zu öffnen. Zum einen, weil es nährwerttechnisch eine Katastrophe ist. Zum anderen, weil ich Palmöl aus meinem Haushalt verbannt habe.

[3] Nein, ich hege keine Sympathie für die CDU. Es sieht aber nicht so aus, dass wir sie so schnell los werden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Alleine und orientierungslos

Ich saß auf der Hinterbank eines Autos. Rechts von mir saß der Ehemann. Mein Vater fuhr, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz. Wohin wir wollten, keine Ahnung. Mein Vater raste. Es war mir viel zu schnell und ich habe ihn darum gebeten, langsamer zu fahren. Das hat er mir übel genommen. Er hat das Auto an der Ampel von einer großen Kreuzung angehalten, uns alle samt Gepäck raus geschmissen und ist mit dem Auto, ein porscheähnlicher tiefer, schwarzer Sportwagen, geradeaus weg gerast. Der Motor war nicht zu überhören. Ich habe gedacht, er soll geblitzt werden, oder sogar in einem Unfall verwickelt werden, es würde ihm recht geschehen.

Ich war mit dem Ehemann und meiner Mutter in einer Art Notunterkunft. Wir waren in einem großen Raum im Erdgeschoss mit einem riesigen Glasfenster zur Straße. Ich lag auf einem großen Bett rechts vom Ehemann und kraulte seine Brustbehaarung[1]. Es war nachts. Ich habe Hunger bekommen und bin aufgestanden, um mir etwas zum essen zu holen. Es gab Salat mit Thunfisch und Kichererbsen, in einem durchsichtigen Plastikbehälter. Ich habe mich mit dem Salat an einem Tisch hingesessen und habe gleichzeitig an meinem Dienstlaptop gearbeitet. Eine Katze ist aus der hinteren Seite vom Raum gekommen, bei der Toilette. Ich bin mit dem Salat aufgestanden und habe mich bei ihr hingekniet, um ihr Thunfisch anzubieten. Die Katze war zuerst frech, hat aber am Ende doch den Thunfisch aus meiner Hand gegessen. Ich habe gedacht, wie würde mir die Finger abbeißen. Mehr Katzen sind angekommen, sie haben sich unfreundlich verhalten.

Als ich zurück zum Tisch gekommen bin, fehlte mein Laptop. Ich habe ihn an einem anderen Tisch gefunden. Ein Mann, der für die Notunterkunft arbeitete, hatte es geöffnet und die Festplatte genommen. Ich konnte nur noch den Lüfter sehen. Der Mann meinte etwas von einem Chip. Mein Handy war auch weg. Ich habe gedacht, wir packen unsere Sachen zusammen und verschwinden von hier. Das Problem: Sowohl der Ehemann als auch meine Mutter waren nicht mehr da. Und was war mit dem Gepäck?

Ich war mit einem Taxi unterwegs. Es war tagsüber, der Himmel war bedeckt. Der Fahrer hatte mich zu einer Kreuzung gebracht, aber weiter konnte oder wollte er nicht fahren. Ich hätte auch nicht gewusst wohin. Keine Ahnung, wo ich war. Keine Ahnung, wo der Ehemann und meine Mutter verschwunden waren. Und ohne Handy konnte ich sie nicht erreichen. Beim Aussteigen öffnete der Fahrer den Kofferraum. Drin waren mein großer grauer Koffer, den Koffer meiner Mutter in Frischhaltefolie verpackt, und die orangefarbene Wanderjacke vom Ehemann. Ich habe alles zum Bürgersteig geschleppt. Drei Polizisten sind in dem Moment erschienen. Ich habe versucht, sie um Hilfe zu fragen, sie haben mich nicht beachtet.

[1] In Wirklichkeit ist er von Natur aus völlig glatt. Gar nicht meine Vorstellung vom Traumprinz.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ohrwurm heute: Ievan Polkka – Loituma

Das Lied habe ich im Frühling 2006 kennen gelernt. Damals hatte jemand in einem Diskussionsforum den Link zum „Lauchlied“ gepostet[1,2], das zur Zeit viral ging, und die wildesten Theorien wurden erfunden, was es denn für eine Sprache wäre. Ich hatte nach den Bestandteilen vom Dateinamen auf Internet gesucht, und die finnische Gruppe Loituma gefunden.

Hier das Lied[1]:

Im Zuge meiner Entdeckung hatte ich mir beide Alben der Gruppe bestellt, um beim Zuhören fiel mir auf, dass ich über Finnland gar nichts wusste[3]. Ein Jahr später hatte ich genug Geld gespart, mir mit Hilfe eines Sprachlehrbuchs mit CD einen Grundwortschatz auf Finnisch angeeignet, eine Katzensitterin gefunden, einen Wanderrucksack gekauft, und damit Anfang August zwei Wochen Urlaub alleine in Finnland verbracht. Dank dieses Liedes.

Mit dem Flieger direkt von Köln nach Helsinki, wo ich das Wochenende verbracht hatte, oder fast. Meine Unterkunft war auf der Insel Suomenlinna und ich hatte mir am ersten Abend beim Spazierengehen einen Sonnenbrand geholt. Von dort aus hatte ich eine elliptische Runde mit Bahn und Bus um die Seen gemacht, im Uhrzeigersinn: Turku, Tampere, Jyväskylä, Kuopio, Joensuu, Imatra, Lappeenranta, Helsinki. Schon mal vorweg: In den ganzen zwei Wochen hatte mich ziemlich genau eine einzige Mücke bei einer morgendlichen Joggingsrunde gestochen.

Wo war das bloss?

Das Doofe: Ich hatte mir vor der Reise meine allererste Digitalkamera gekauft, und wusste damals nicht, dass es Unterschiede in den AA Batterien gibt, und dass man spezielle AA Batterien für eine Kamera braucht. Nach einigen Tagen musste ich neue besorgen und war sehr verwundert, dass sie gerade ein oder zwei Bilder durchgehalten hatten, bevor sie leer wurden. Ich musste auf die Schnelle auf Wegwerfkameras mit Film umsteigen, nachdem mir ein Berater in einem großen Elektroladen nicht weiter helfen konnte. Die Bilder sind nach meiner Rückkehr entwickelt worden, es gibt zwar eine zeitliche Reihenfolge der Bilder auf dem Negativ, aber ich weiß heute nicht mehr, was ich wo alles fotografiert habe. Die Negativstreifen sind auch ein bisschen durcheinander gekommen, mit den Jahren.

In Turku erinnere ich mich, dass es sehr heiß war, als ich die Jugendherberge erreichte. Ich war zu früh da, mein Zimmer war noch nicht frei, also konnte ich nicht duschen. Ich hatte die junge Frau am Empfang auf Englisch gefragt, ob sie in der Nähe Strände empfehlen könnte. Keine Ahnung, was in ihr Gehirn angekommen war, sie hatte mich ganz schief angeschaut. Dachte sie, ich würde zum Puff gehen wollen? Beach, bitch, vielleicht war es mit meiner Aussprache nicht so perfekt, keine Ahnung. Andererseits muss sie auch ein bisschen doof gewesen sein, weil sie immer noch misstrauisch guckte, nachdem ich fragte, ob es wenigstens ein Schwimmbad gäbe. Ja, es gab eins, und ich hatte drin sogar meinen ersten Saunagang, dank einer netten älteren Dame, die mir alles erklärt hatte, was man über Saunas in Finnland wissen muss. Am nächsten Tag hatte ich Pause bei einer Kirche mit Park gemacht. Zwei Frauen saßen an der Terrasse vom Kirchenkaffee und ich hatte gesehen, wie ein Eichhörnchen ganz frech auf die Bank gesprungen war, wo die Frauen saßen, mit beiden Pfoten die Ränder einer geöffneten Handtasche gehalten hatte, um den Kopf drin zu stecken und sich den Inhalt anzuschauen, und ohne Beute wieder ganz schnell verschwunden war, ohne dass die Frauen es bemerkt hatten. Ich war total verblüfft.

In Tampere hatte mich ein älterer Mann angesprochen, als ich abends alleine meinen Fischteller in einem Restaurant aß, ob er sich zu mir hinsetzen durfte. Wir hatten viel geplaudert und uns am nächsten Morgen zum Kaffeetrinken auf dem Markt wieder getroffen.

In Kuopio wollte ich in die größte Rauchsauna der Welt. Ich war alleine hin gegangen und hatte dort meine Mitbewohnerin aus der Jugendherberge wieder getroffen, eine Engländerin. Wir hatten den Abend mit zwei Franzosen, auch aus der Herberge, im Lokal nebenan verbracht. Und was hatte die Musikgruppe drin gespielt? Genau, Ievan Polkka. Am nächsten Morgen hatte ich in der Küche von der Herberge ein finnisches Paar getroffen. Weil ich mich ein bisschen auf Finnisch unterhalten konnte, beschloßen sie mir auf der Stelle ein finnisches Märchenlied zu singen. Das war das Schönste, was ich je von Fremden bekommen habe.

In Joensuu hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zum botanischen Garten mit dem Rucksack zu gehen. Auf dem Plan in meinem Reiseführer stand ein Pfeil an der linken Seite, mit der Notiz „To Botanical Gardens (500m)“. Hah, Pustekuchen. Ich weiß nicht wie viele Stunden ich unterwegs war, bis ich zum botanischen Garten angekommen bin. Ich habe mir in den Wanderschuhen Blasen gelaufen, vor allem an der Unterseite vom rechten kleinen Zeh. Zurück bin ich mit einem Bus gefahren. Der junge Mann an der Apotheke in der Stadt war sehr unfreundlich und wollte partout[4] nicht verstehen, dass ich Pflaster kaufen wollte, selbst als ich ihm mein Wörterbuch vor der Nase hielt.

In Imatra war die Jugendherberge ganz weit weg vom Bahnhof, zwischen Wald und See. Ich bin so viel gelaufen, dass mein T-Shirt durch mein BH nass wurde. Eine Herberge, wo alle Gäste gemeinsam in einem riesigen Saal geschlafen haben. Ich war die einzige Frau und froh, Ohropax[1] eingepackt zu haben. Ich hatte mir ein Fahrrad geliehen, um abends in die Stadt essen zu gehen. Ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung und mit Rücktrittbremse. Das war auf der hügeligen Strasse kein Spaß. Am nächsten Tag war es regnerisch. An der Bushaltestelle war ich pünktlich, der Busfahrer ist trotz Winkens meinerseits an mir vorbei gerauscht. Gesehen hatte er mich. Als er mich über eine Stunde später auf dem Rückweg immer noch Richtung Bahnhof klatschnass mit Rucksack laufen gesehen hat, hat er eine übertriebene überraschte Reaktion gezeigt und mich mit offenem Mund angestarrt. Er hat meinen Mittelfinger zu sehen bekommen.

An Lappeenranta habe ich sehr wenige Erinnerungen, außer, dass ich in einem Museum für Geschichte und Vorgeschichte der Gegend war. Ich hatte in diesem Urlaub viele Museen besucht. Ach ja, Karjalanpiirakka hatte ich gegessen.

Fazit: Musik bewegt, auf jeden Fall.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] Das hier verlinkte Video ist nicht das Original.

[3] Das trifft auf viele Länder zu, muss ich zugeben. Gereist bin ich kaum, und wenn, meistens für Dienstreisen oder zwecks Familienbesuch, bevor ich den Ehemann kennen gelernt habe.

[4] Eine interessante Verwendung von dem Wort. Auf Französisch benutzen wir es definitiv nicht mit dieser Bedeutung. Er heißt doch „überall“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Pause von der Menopause

Symbolbild. Aus dieser Wanderung.

Ich hatte mich schon daran gewöhnt, an dieses neue Freiheitsgefühl. Sport, Wanderungen, wie ich will, ohne im letzten Moment absagen zu müssen, weil die Schmerze im Bauch und im Rücken zu stark sind, und sowieso verblute ich viel zu viel, um mich aus dem Haus zu trauen, da machen selbst die saugfähigsten Binden und Tampons nicht lange genug mit. Nicht mehr auf dunklen Handtüchern schlafen zu müssen, wenn die Periode zu stark ist. Anziehen was ich will zu können, ohne zu fürchten, dass helle Kleider versaut werden. Insbesondere, keine Unterwäsche mehr tragen zu müssen, was ich im Home Office sehr zu schätzen gelernt habe, da ich eh viel lieber Röcke als Hosen anziehe. Und nicht zuletzt Sex ohne Einschränkung. Eine Woche im Monat ist viel.

Ich dachte, vor vier Monaten hätte sich ein Schalter umgelegt, und ab dann wäre ich sofort von der Periode befreit. So einfach ist es doch nicht, zuerst muss die Perimenopause sein. Schade. Nach dreiunddreißig Jahren könnte echt Schluss sein.

Die Menarche, wie man die erste Regelblutung nennt, hatte ich mit elf. Ich erinnere mich ganz genau. Es war ein heißer Tag. Wir waren mitten in den großen Sommerferien, die damals fast zweieinhalb Monaten dauerten[1]. Ich hatte gerade das erste Jahr Mittelstufe hinter mir. Ich war mit meiner Mami zur Nachbarstadt gefahren, über dreißig Kilometer entfernt, um den wöchentlichen Großeinkauf beim Continent zu machen – die Supermarktkette gibt es schon lange nicht mehr. Wir gingen durch die Gänge, als ich merkte, wie mein Höschen sich plötzlich nass anfühlte. Scham überkam mich. Wie konnte es mir mit elf passieren, dass sich unbemerkt meine Blase beim Einkaufen leert? Ich ging zur Toilette und als ich das Blut sah, war es ein Schock, obwohl wir es im letzten Grundschuljahr von der Lehrerin erklärt bekommen hatten. Ich ging zurück zu meiner Mami und sagte ihr, „ich glaube, ich habe meine Periode“. Doch praktisch, dass es im Supermarkt passiert ist. Wir sind zur Hygieneabteilung gegangen, sie hat eine Packung Binden aufgerissen, mir eine gegeben und erklärt, wie sie anzuwenden ist. Mit der Binde unter dem T-Shirt versteckt, bin ich wieder zur Toilette gelaufen. Ich bin mit gespreizten Beinen zurück zum Einkaufswagen gekommen. Das Ding war sehr unbequem. Im Auto auf der Rückfahrt nach Hause meinte meine Mami, ich wäre jetzt groß geworden. Meine einzige Sorge war, dass ich meinen Liebslingsrock trug, schwarz mit kleinen Blümchen, und dass das noch nasse Blut in meinem Höschen Flecken drauf machen würde. Ich habe die ganze Strecke nach Hause vermieden, mit dem Gesäß auf dem Sessel zu sitzen. Ich glaube, indem ich meine Hände unter dem Po gelassen habe. Nach den Sommerferien bin ich zur Mittelstufe zurück gekommen und war erleichtert zu erfahren, dass es auch fast alle meine Freundinnen erwischt hatte.

[1] In Frankreich. Ich hatte die langen Sommerferien damals sehr geschätzt. Der Neffe hat es nicht so schön, dieses Jahr musste er bis in die erste Woche Juli zur Schule (Maternelle) gehen. Meine Mami hat erzählt, seit einigen Jahren sind die Sommerferien kürzer geworden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ein Stein auf dem Weg

Halb vier. Ich werde wach. Der Ehemann ist aufgeregt. „Oh, da liegt ein Stein auf dem Weg!“ ruft er. „Ich werde ihn umgehen.“ Er macht große Beinbewegungen. Will er im Traum aufstehen? Ich, vorsichtig, da er sich schon mal beim Nachtgang aus der Toilette mit der Bettkante verletzt hat: „Schatz?“ Er bewegt sich weiter. „Du träumst“. Er: „Nein“. Ich: „Doch“.

Er dreht sich um, zu mir. Seine rechte Hand sucht auf der Decke, findet meine Hüfte und fasst sie kräftig an. Ich denke, er ist wach geworden. „Bist du um den Stein gegangen?“ frage ich. „Nein“, sagt er. „Er liegt auf dem Weg zur Garage, beim Auto. Ein Stein, um die Grundstücke zu zählen“. Er klingt ein bisschen genervt, als ob es offensichtlich wäre und ihm meine Frage zu dumm war.

Er wälzt sich wieder um und schläft weiter.

Nachtrag. Als er heute Morgen aufsteht, frage ich ihn, ob er sich an heute Nacht erinnert. Er überlegt kurz. „Ach stimmt, ich habe etwas von einer Garage erzählt, oder? Und Autos, die weg rollen.“ Letzteres kam nicht wirklich zum Ausdruck.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.